Vize! Deutschland vs. Spanien 0:1

Am Ende hat es also mal wieder nicht gereicht. Spanien war unserer Mannschaft heute über weite Strecken des Spiels hoch überlegen und ist sicherlich verdient Europameister geworden. In den ersten zehn Minuten der Partie konnte man seinen Augen nicht trauen: Die Deutschen bestimmten das Spiel und hatten sogar eine riesige Torchance durch Klose, der aber leichtfertig den Ball vertändelte. Man war also zu diesem Zeitpunkt frohen Mutes, dass die deutsche Mannschaft eine ähnliche Leistungssteigerung, wie im Spiel gegen Portugal hinlegen würde. So ab der 15.Spielminute war es für die deutsche Mannschaft wie “abgerissen”, und Spanien kam wesentlich besser ins Spiel. Abgesehen von der Tatsache, dass Deutschland den Rest der ersten Halbzeit in der eigenen Hälfte verbrachte, war Spanien zwar klar feldüberlegen, machte aber aus dieser Überlegenheit relativ wenig. Nach einem katastrophalen Abwehrfehler durch Lahm, gingen die Spanier dann doch 1:0 in Führung, was angesichts ihrer spielerischen Überlegenheit zwar verdient war, aber aus deutscher Sicht mehr als unnötig. Ich habe gerade in den Comments gelesen, dass es tatsächlich Leute gibt, die Lehmann das Ding ankreiden wollen: Lehmann war aus meiner Sicht mit Abstand bester deutscher Spieler des Abends und verhinderte mit so mancher Weltklasseparade einen höheren Rückstand (übrigens das vermeintliche Handspiel in der 2.Halbzeit wurde bereits im TV nach dem Spiel aufgelöst und war deutlich auf der Strafraumlinie). Lahm läuft einen Meter vor Torres und schirmt quasi den Ball vor ihm ab. Jeder Abwehrspieler auf Bundesliga-Niveau weiß, wie er sich in so einer Situation zu verhalten hat: Ball abschirmen, geht Torres rechts vorbei, ziehe ich mit dem Ball einfach nach links und andersrum. Und wenn ich sehe, dass Torres zu viel Fahrt aufgenommen hat, haue ich den Ball einfach ins Seitenaus. Lahm schaut erst gar nicht nach hinten, sondern wartet auf Lehmann und verschätzt sich dabei einfach komplett. In der zweiten Halbzeit gab es eine ähnliche Szene mit Torres und Mertesacker, der ihn einfach körperlich unter Druck setzt, bzw. ihn nicht an sich vorbeiziehen lässt, bis Lehmann den Ball hat. Ich denke auch, dass die körperliche Konstitution von Lahm hierbei eine Rolle gespielt hat. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Treffer geht ganz klar auf die Kappe des besten deutschen Feldspielers der EM.

Nach der Pause kam Jansen für den verletzten Lahm hinein, was anfangs so gut wie keinen Effekt hatte. Die Spanier bestimmten das Spiel, machten aber erneut aus ihrer Überlegenheit nichts. Die deutsche Mannschaft hatte ihre beste Phase Mitte der zweiten Halbzeit: Jansen machte ordentlich Alarm über deutschlands linke Seite, und es ging noch mal ein richtiger Ruck durch die deutsche Mannschaft. Man hatte dabei zum ersten Mal das Gefühl, dass in dem Spiel wirklich noch was geht. 10-15 Minuten lang rollten deutsche Angriffe auf das spanische Tor. Natürlich waren die Spanier die bessere Mannschaft, aber jeder, der sich mit Fußball auskennt, weiß, wie schnell so ein Spiel kippen kann. Macht Deutschland in dieser Phase den Ausgleich, bzw. bekommt der Spanier die verdiente rote Karte nach der Kopfnuss an Podolski, kann das Spiel eine ganze andere Wendung nehmen. Nach dieser Phase gab es aus deutscher Sicht nur noch eine nennenswerte Aktion: Als sich Schweini im Strafraum durchsetzt und Gomez/Kuranyi dadurch allein vom spanischen Keeper stehen – leider pfiff der in meinen Augen äußerst schwache Schiedsrichter für mich völlig unverständlich diese Situation ab.

Im Grunde haben die Spanier also völlig verdient gewonnen. Die Deutschen waren in diesem Finale nicht viel besser, als im schwachen Halbfinale gegen die Türkei. Dass der Wille da war, konnte man sehen, allerdings haperte es in vielen Szene in der Ausführung. Ich hatte bei der deutschen Mannschaft auch sehr früh das Gefühl, dass bei vielen Spielern einfach der Akku leer war, um den technisch starken Spaniern Paroli bieten zu können. Was soll’s! Mit den Spaniern gewinnt die über das ganze Turnier gesehen beste und konstanteste Mannschaft den Titel. Außerdem haben es die Spanier nach ihrer jahrzehntelangen “Versagermentalität” bei großen Turnieren wirklich mal verdient.

Was die deutsche Mannschaft angeht, muss man ebenfalls vor “unseren Jungs” den Hut ziehen. Trotz der Tatsache, dass man spielerisch mit vielen Nationen nicht mithalten konnte, kämpfte man sich mit viel Leidenschaft ins Finale. Ich finde es sehr schade, dass man sich taktisch eher defensiv präsentierte und den tollen Angriffsfußball von der WM 2006 nicht zeigte (zeigen konnte?). Für mich ist der Verlierer dieser Europameisterschaft 2008 eindeutig Michael Ballack: Ich werde nie verstehen, warum der Mann von den Medien so gefeiert und hochgelobt wird. Er hat im ganzen Turnier nur ein einziges gutes Spiel gezeigt und wird als Weltfußballer dargestellt. Es ist immer die Rede davon, dass er so mannschaftsdienlich spielen würde. Gerade in so Spielen, wie heute, braucht man einen Führungsspieler, der so eine Mannschaft lenkt und nicht nur durch Fehlpässe auffällt. Die Gewinner dieser Europameisterschaft sind in meinen Augen neben dem bärenstarken Lehmann auf jeden Fall die Bayern-Ersatzspieler Podolski und Schweinsteiger, ohne die wir mit großer Sicherheit nicht bis ins Finale gekommen wären.

Ich denke, unsere Mannschaft hat noch großes Entwicklungspotential, besonders im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2010 in Afrika. Eine relativ bekannte Wahrsagerin hat vor dem Turnier einen Satz gesagt, an den ich immer wieder denken muss: Auch wenn sie als Europameister Frankreich vorhergesagt hat und eigentlich gänzlich falsch lag, sagte sie, dass die deutsche Mannschaft durch das Turnier so viel Erfahrung sammeln wird und soviel lernt, dass sie zur WM 2010 als Top-Favorit fährt. Also, seien wir stolz auf unsere Jungs! 2010 machen wir’s!

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