Samstag Abend Unterhaltung

Wenn man in einer Beziehung lebt, muss man manchmal Kompromisse eingehen. Und da ich, wie Ihr Euch denken könnt, eh immer viel zu viel am Rechner sitze, kann ich meiner Freundin selten ihre Fernsehwünsche abschlagen. Das bedeutet für mich in der Praxis: Ich muss donnerstags Popstars und Samstags das Supertalent mit ihr gucken. Am letzten Samstag konnte ich wenigstens noch Schlag der Raab rausschlagen. Wir schauten also zuerst das Supertalent und anschließend Schlag den Raab.

Ist Euch mal aufgefallen, dass man beim Supertalent nur eine Chance hat, wenn man neben seinem Talent auch eine bewegende Geschichte mitbringt? Entweder man muss unter 10 Jahren alt sein, ein Elternteil muss tot sein oder an einer schwere Krankheit leiden, oder man muss einen anderen schweren Schicksalsschlag erlitten haben. Klingt jetzt vielleicht etwas hart, ist aber einfach das Konzept der Sendung. Achtet mal drauf!

Alle anderen, auf die diese Umschreibung nicht zutrifft, müssen mindestens eine gewissen Zielgruppe abdecken. Wer erinnert sich nicht an die turnenden Opas, die zu irgend einer Schunkelmusik an ihren Geräten rumackerten. Was hat das mit Talent zu tun? Sie sind aber eine Runde weiter gekommen, eben damit auch die 65+ Leute im Altersheim mitschunkeln und die Sendung einschalten.

Versteht mich nicht falsch, natürlich hat die Sendung einen gewissen Unterhaltungswert. Ich meine, Bohlens Sprüche werden zwar auch nicht besser, aber scheinbar scheint es der Nation ja zu gefallen, wenn er irgendwelch untalentierten Menschen öffentlich demütigt. Hinzu kommt eine wunderschöne Frau, die leider dem große Handicap unterliegt, a) Holländerin und b) mit Raphael “ich bleibe beim HSV” van der Vaart verheiratet zu sein. Für mich hat allerdings “good old” Bruce Darnell den größten Unterhaltungswert in der diesjährigen Jury. Wer würde einen amerikanischen Homosexuellen, der schlecht Deutsch spricht und dazu noch bei jedem Kandidaten anfängt zu heulen, nicht unterhaltsam finden…

Wer begriffen hat, dass es bei der Sendung nicht darum geht, richtige Talentsuche zu betreiben, sondern einfach nur “gute” Geschichten an den Mann zu bringen und bestimmte Zielgruppen zu bedienen, kann sich auf das Supertalent einlassen. Es ist bezeichnend für das Konzept, dass drei Mädchen von meiner ehemaligen Schule zum Casting gegangen sind, die ich für extrem talentiert halte. Die Mädchen singen in der Schulband und sind in meinen Augen wirklich begabt. Da leider keiner von ihnen irgendwelche toten oder kranken Eltern oder sonstige angeschlagenen Verwandten in der Familie hat, wurden sie nicht mal zur Jury gelassen und mussten bereits in der Vorrunde die Segel streichen…

Die Schlag den Raab-Sendung am Samstag ließ mich schier verzweifeln. Fällt Euch auch auf, dass das Publikum immer den Kandidaten wählt, der ihrer Ansicht nach der beste Sportler ist? Dass der jeweilige Kandidat vor allem im Bereich Geschicklichkeit und Allgemeinwissen glänzen muss, wird hierbei völlig außer Acht gelassen. Am Samstag hat sich mal wieder gezeigt, dass jemand, der besonders gut in einer Sportart ist, noch lange keine anderen körperlichen Talente haben muss. Ein Judo-Olympiasieger von Peking geht als der schlechteste Kandidat aller Zeiten in die SDR-Geschichte ein.

Ich bin immer davon ausgegangen, dass besonders Kampfsportler ein unglaublich gutes Körpergefühl haben müssen. Wer am Samstag Pro7 eingeschaltet hatte, wird mir nun wohl widersprechen. Wie zur Hölle kann ein Profisportler nicht in der Lage sein, besser Tischtennis zu spielen, als ein 6jähriger. Hinzu kommt seine atemberaubende Performance im Laufrad, frei nach dem Motto “wer ist der bessere Hamster”: Statt wie Raab mit kleinen, schnellen Schritten zu arbeiten, legt der Typ sich in beiden Durchgängen auf alle Viere und bremst dadurch mehr ab, als dass er Geschwindigkeit vorlegt.

Im Prinzip könnte man jetzt die verschiedenen Spiele durchgehen und sich über jeden einzelnen Auftritt lustig machen. Ich möchte aber nur noch kurz seine Performance im Monster-Truck hervorheben (“Nein, ich gebe kein Gas, mir ist das hier zu schnell!”) und auf das derbe Fieldgoal-Event verweisen (“Ach, ich muss DURCH die Stangen schießen?”).

Mal ganz ehrlich, der gefeierte Judo-Olympiasieger Ole Bischof hat sich am Samstag live im TV landesweit blamiert. Denn weder seine sportlichen Fähigkeiten, noch seine Geschicklichkeit oder sein Allgemeinwissen reichten aus, um Raab auch nur annähernd Paroli zu bieten. Ich fand, er war mit seinen drei Punkten noch gut bedient. Sogar der bisher gefühlt schlechteste Kandidat aller Zeiten Olufemi „Femi“ Smith war gegen Bischof ein “Supertalent”. Falls Ihr Euch nicht mehr an “good old” Femi erinnert, habe ich Euch mal sein legendäres Laufrad-Video angehängt. Ansonsten würde mich Eure Meinung zu beiden Shows am Samstag interessieren – Ihr wisst schon, Comments und so.

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