Das deutsche Fernsehen, es lohnt sich…

Normalerweise veröffentliche ich ja keine Fremdbeiträge hier auf meinem Blog. Allerdings habe ich gestern einen Beitrag bekommen, der so gut ist, dass ich dafür gerne eine Ausnahme mache. Eingeschickt wurde er von unserem Community-Mitglied Felix, und er beschäftigt sich mit der deutschen Fernsehlandschaft. Viel Spaß damit!

Das Reich des Glaubens ist geendet,
Zerstört die alte Herrlichkeit,
Die Schönheit weinend abgewendet,
So gnadenlos ist unsre Zeit.
(Joseph von Eichendorff – An die Dichter)

Wir alle können im Fernseher jeden Tag sehen, dass ein jeder von uns ganz sicher einmal Millionär wird, ein Filmgott, ein bekanntes Model oder ein Rockstar. Genau deshalb strömen derzeit wieder tausende Jugendliche in die Castingshows und wollen dadurch etwas aus ihrem trostlosen Leben machen. Die Meisten von ihnen können Nichts, das aber ganz besonders gut. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – sind viele erfolgreich und genießen 3 Minuten im gleisendhellen Scheinwerferlicht. Sie werden bekannt und jeder kennt sie. Den Meisten wird Menderes von DSDS bekannter sein als der amtierende Bundespräsident, denn er ist quasi das Maskottchen der Erfolglosen, der Gescheiterten, von denen es in unserem Land leider mehr als genug gibt. Diese Menschen haben anscheinend keinen Stolz und machen sich lächerlich, aber es ist wahrscheinlich besser sich 2 Minuten von Dieter Bohlen vor einem Millionenpublikum demütigen zu lassen, als später den Enkeln gar nichts über die eigene Jugend erzählen zu können.

Wer dann allerdings zum neuen Superstar/Topmodel gekürt wird, ist uns allen eigentlich egal. Wir wollen Tränen sehen, Demütigung und Versagen. Auch für die Fast-Stars lohnt es sich kaum. Es lockt nur ein Knebelvertrag, ein Top-ten Hit, schon ist man die Handpuppe der Musikindustrie, und dann folgt wieder die Belanglosigkeit. Die heutigen Stars werden nur zu Helden für einen Tag. Erst geht die Kariere mit DSDS, steiler als die Inflationsrate in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg nach oben und dann, ohne das der Zuschauer umschalten muss, auf dem gleichen Sender im australischen Jungle wieder ins Bodenlose. Sind wir einmal ehrlich und überlegen uns wie eine solche Kariere aussieht: Man wird entdeckt bei DSDS (oder “Germanys next Topmodel”, “Popstars” oder “Das Supertalent”,…), dann eine Sendung bei 9live in der man mit dem Hotbutton anderen Idioten das Geld aus der Tasche zieht. Es folgen Gastauftritte in Quizsendungen, danach ein paar Schlagzeilen in der Bild über Magersucht oder Drogenkonsum. Es bleibt einem also nichts anders übrig als den verbliebenen Bodensatz an Bekanntheit für das Promi-Dinner zu nutzen um darauf beim Dschungelcamp wenigstens noch aus dem eigenen Elend Kapital zu schlagen. Das Nichtskönnen wird in unserer Gesellschaft immer weiter professionalisiert oder wie Theodor W. Adorno es gesagt hat: “Halbbildung ist der manipulierte Geist der Ausgeschlossenen.”

In all diesen Fernsehformaten wird der langsam nachwachsende und kostbare Rohstoff “Jugend” schamlos verheizt. Diese fröhliche Hoffnungslosigkeit macht mich traurig, aber will nicht meckern oder wie Reich-Ranicki jammern und alles verteufeln. Ich will auch nicht, dass Sat1 aufhört zu lügen und RTLII zu senden. Auch ich will nicht, dass jeder Bundesbürger morgens mit dem Deutschlandfunk aufwacht, über Kafkas Werke philosophiert um abends in elitärer Runde ein Klavier oder Blockflöten Konzert zu geben. Dass das nicht die Realität ist, ist mir durchaus klar und es ist wahrscheinlich ebenfalls nicht wünschenswert, aber ich sehe soviel menschliches Potential und dieses wird rücksichtslos vergeudet. Eine ganze Generation singt bei Castings, blamiert sich bei Talentshows, schaut das Dschungelcamp, verfolgt gespannt BigBrother und stöckelt stolz durchs Wohnzimmer, um Topmodel zu werden. Sollte es mit der großen Kariere nichts werden, bleibt uns ja immer noch die Fernsehwerbung. Dadurch werden wir geil auf teuere Autos und billige Frauen. Um das alles kaufen zu können machen wir Jobs, die wir hassen und kaufen dann noch mehr Scheiße, die wir gar nicht brauchen. Jungs, wir haben so viel verpasst, wir rauchten kein Gras in Woodstock, wir hatten kein Koks im Studio54, haben scheinbar keinen Zweck, kein Ziel, keinen Auftrag. Das wird mir langsam alles klar. Und ich bin kurz, ganz kurz davor zu resignieren.”

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