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Sehr lesenswerter Artikel von Spiegel-Online, der mir heute von Dingu verlinkt wurde:

Die Debatte um Ursula von der Leyens Gesetzentwurf gegen Kinderpornografie im Netz macht eine gesellschaftliche Kluft sichtbar: Die Generation Online will nicht länger akzeptieren, dass über sie hinwegregiert wird. Ein Generationenkonflikt wird sichtbar, der das Land noch Jahre lang spalten könnte.

Die Überraschung unter den politischen Spitzenkräften Berlins in den vergangenen Wochen war kaum zu übersehen. Etwas Unerhörtes war passiert. Eine neue politisch-gesellschaftliche Frontlinie ist sichtbar geworden, eine, die das Klima in diesem Land auf Jahre hinaus prägen könnte. Die Generation C64, die erste, die mit Computern aufgewachsen ist, hat die Nase voll von Herablassung und Gängelung, will sich nicht länger an den Rand der gesellschaftlichen Debatte drängen lassen. Sie wehrt sich, mit ihren Mitteln.

Ach ja, der gute alte C64: Das waren noch Zeiten! Damit bin ich auch aufgewachsen. Aber genug Wehmut, wir lesen mal weiter…

Dabei sah zunächst alles nach einem echten Coup aus: Ursula von der Leyen (CDU), Familienministerin, hatte ein Gesetz gefordert und dann, gegen das Zögern und Widerstreben ihrer Kabinettskollegen aus den eigentlich zuständigen Ressorts Wirtschaft, Inneres und Justiz, auch durchgesetzt. Kinderpornografische Inhalte sollen die Provider aus dem WWW filtern, die entsprechenden Sperrlisten soll das Bundeskriminalamt (BKA) führen. Wer trotzdem eine einschlägige Seite ansurft, bekommt ein Warnschild zu sehen. Ein wahltaktisch todsicheres Gesetz, zielt es doch auf einen ungemein konsensfähigen Feind: die Hersteller und Verbreiter von Kinderpornografie, unmenschliche Profiteure und Verursacher unermesslichen Leids.

Dann passierte das Unerhörte: Eine rasant wachsende Zahl von Menschen sprach sich offen und nicht anonym gegen die Filterpläne der Ministerin aus – bis heute über 100.000. Obwohl es doch gegen Kinderpornografie ging! In Berlin war man konsterniert. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war so überrascht, dass ihm sogar der Fauxpas unterlief, die zu diesem Zeitpunkt bereits Zehntausenden Unterzeichner der Petition gegen das Gesetzesvorhaben, immerhin ja Wähler, vor laufender Kamera in die Nähe von Kinderschändern zu rücken. Wie konnten die es wagen, einen Vorschlag für unsinnig zu erklären, den ernstlich zu kritisieren zunächst kein Politiker bereit war? Nichts fürchtet man in Berlin mehr, als selbst für einen Kinderschänder-Apologeten gehalten zu werden.

Und jetzt kommen wir zu meinem Lieblingsteil:

Darauf, dass es da mancherorts an Kompetenz mangelt, gibt es durchaus Hinweise – man erinnere sich nur an die legendäre Frage von Justizministerin Brigitte Zypries (SPD): “Browser, was sind jetzt noch mal Browser?” Deutschlands politische Führungsspitze, so der Tenor von zahllosen Blog-Beiträgen, Foren-Postings und Mensa-Witzeleien, ist nicht im Netz angekommen. Daran ändern auch teure Partei-Web-Seiten, Verlautbarungs-Blogs und Podcasts nichts.

Der tausendfache Widerspruch markiert einen neuen Rekord, aber wer genau hinsah, konnte die Spaltung auch schon vorher sehen. Ob beim Thema Computerspiele, bei der Vorratsdatenspeicherung, bei den Debatten um die Online-Durchsuchung: Immer wieder gab es Protest und Streit und immer wieder zwischen den gleichen gesellschaftlichen Gruppen. Der Streit zieht sich auch durch die Feuilletons und Talkshows der Republik: Er schlägt sich nieder in den Debatten über die katastrophalen Folgen der Digitalisierung für die Musikbranche, über die Probleme der Zeitungslandschaft, über die angeblich verblödenden Effekte von Handys, YouTube, StudiVZ und Videospielen.

Die vermeintlich Verblödeten, Verrohten, Dumm-gesurften sind mehrheitlich noch nicht in einem Alter, in dem sie gesellschaftliche Führungspositionen besetzen könnten. Deshalb wird gern und viel über ihre Köpfe hinweg geredet. Aber sie haben ganz neue Werkzeuge zur Verfügung, um sich zur Wehr zu setzen.

Was ist nochmal ein Browser? Jemand der so eine Frage stellt, soll die Zukunft des deutschen Internets maßgeblich mit beeinflussen? Naja, lest mal in den kompletten Artikel rein, der die ganze Affaire sehr schön zusammenfasst und nicht an Sarkasmus spart.

Quelle: Spiegel Online

36 KOMMENTARE

  1. Naja wenn plötzlich eine Randgruppierung Zulauf bekommt werden die grossen Parteien schon hellhörig.
    Z.B. wenn die Rechtsradikalen wieder kurz vor dem Sprung über die 5% sind. Dann kannst du beobachten wie bei der nächsten Wahl etwa die CDU ganz schnell wieder weiter nach rechts rutscht.
    Wenn also eine Spezialpartei wie die Piraten Zulauf bekommen, überlegen sich unsere Politiker vielleicht, auf Kosten der “C64 Generation” Stimmen zu fangen.
    Oh Mann! Fast 40 und immer noch naiv.

  2. Btw.: Es geht weiter: http://www.heise.de/newsticker/Innenminister-fordern-Verbot-von-Killerspielen–/meldung/139973

    Mir ist kein Wahlkampf in Erinnerung wo es so schlimm war wie in diesem Jahr.

    -LAN-Parties werden werden mit Hinweis auf Winnenden abgesagt. Die Waffenmesse zuvor aber nicht.

    -Wer gegen Internetsperren ist, wird automatisch verdächtig ein Kinderschänder zu sein.

    -Und wenn ich nach dem Bayrischen Innenminister gehe sich Spieler von Shootern ebenfalls nicht besser als Kinderschänder.

    Bisher hat mich dieses ganze Wahlkampfgeschrei nie interressiert. Früher hab ich mich allenfalls zwischen CDU und SPD entschieden. Es ist sicher das für mich eigentlich nur die Piratenpartei in Frage kommen.

    Das einzige was mich abhält ist, daß die wahrscheinlich nicht über 5% kommen werden und damit meine Stimme versandet. Auf der anderen Seite sollte man das wählen was einem persönlich liegt. Sonst ändert sich nix.
    Die Wahlbeteiligung wird ja nicht sonderlich hoch sein am Sonntag. Das ist natürlich eine Chance für kleine Parteien.

  3. einmal thx zur erklärung,
    das andere ich darf noch nicht wählen..
    und das noch andere: reicht es nicht schon wenn sich CDU, SPD, etc. zur Bundestagswahl stellen, ich denke doch das diese Piratenpartei bei den 4,1 % andere landen würde, oder?

  4. Es kotzt mich sowieso an, das Politiker (zumindest hab ich den Anschein) nur Gesetze verabschieden, das sie wieder gewählt werden. So wie mit der “ab”Fuck”Prämie”. Bin mal gespannt wieviele Milliarden nächstes Jahr in die Autoindustrie gestopft werden, weil keiner mehr Autos kauft!

  5. Wir können ein Computerspiel über unsere Politiker machen und sie damit beleidigen und demütigen.
    (Natürlich muss man sowas wie diese Fiktion in diesem Computerspiel hat mit der Realität nichts zu tun etc … hinzufügen)

  6. Und genau da liegt das Problem! Solange unsere liebe Ursula (und sie ist bei weitem nicht die Einzige) nicht versteht, dass es beim Regieren nicht darum geht sich i-welche Scheinlösungen für reale Probleme auszudenken, von denen sie glaubt, dass sie sich im Wahlkampf gut verkaufen lassen, wird sie, fürchte ich, noch des öfteren auf die Schnauze fallen.

  7. Es gibt eine Partei die sich für genau diese Punkte einsetzt, nennt sich Piratenpartei.
    Wurzeln hat sie in Schweden, ist mittlerweile jedoch schon in viele Staaten der EU vertreten, so auch in Deutschland.
    Ihr könnt diese Partei am Sonntag sogar wählen, für die Bundestagswahl braucht sie allerdings noch Unterschriften, allerdings nicht mehr viele, also helft mit! 🙂

  8. hey steve, geh doch zu den Freien Wählern 😛 und lass dich in den Bundestag wählen,^^
    ich denke du würdest da mit Fachgebiet “Internet / moderne Technick” viele potenzielle Wähler haben (falls den wählen können, so alle unter 18 (16?) können ja nicht wählen)

    anyway, guter artikel, ich denke der trifft das, was viele denken..

    mfg der BIlly Joe

  9. Die Spiegel-Online Redakteure sind genauso inkompetent und uninformiert
    und versuchen letztendlich auch für sich etwas abzuschneiden aus dem ganzen Rummel um der Killerspiele-Debatte.
    Dabei war es Spiegel-Online die kurz nach dem Amoklauf von Erfurt in einem Bericht über WCG Starcraft als “Ballerspiel” bezeichnet hat.
    Aber wie auch immer …. Spiegel versucht sich schon lange als “heimlicher” Verfechter von Rechten für die Gamer.

  10. Der Artikel spricht die 100.000 Unterschreiber der Pettition an, die sich dagegen aussprechen.
    Ich habe selbst auch unterschrieben, daher mein Rat: Tut das Gleiche!

    Zwar haben sich jetzt schon genug Leute eingetragen, damit das Projekt im Petitionsausschuss beraten wird, aber jede Stimme zählt!

  11. F: Woran merken Sie, dass Sie alt werden?
    A: Wenn Sie sich an die guten alten C64 Zeiten erinnern und jemand Sie fragt, was zum Teufel eigtl. ein C64 sei.

    OnTopic:
    Top Artikel, beschreibt genau das, was momentan los ist.

  12. Ein, wenn ich es so sagen darf, echt geiler Artikel, der endlich mal von einer größeren Zeitschrift kommt und somit nicht nur die Leute erreicht, die eh schon wissen was Sache ist. 😀

  13. Der C64 ist so was wie der erste Home Computer. Faktisch nicht der erste, aber der erste der sich gut verkaufte und so auch eine relativ breite Masse geprägt hat. Früher verschrieen als ein Spielzeug für Kinder hat er sich gemausert und ist zu dem geworden an dem du grade tippst

  14. Ich würde es einem Afghanen in Afghanistan, in dessen hintersten Provinz, welche er als normaler Bürger bewohnt, verzeihen nicht zu wissen, um was es sich bei einem Browser handelt.
    (Aber ganz einfach erklärt für jene, die es nicht wissen :
    Ohne Browser kannst du kein Google benützen !)
    Aber als Politiker, besonders als Politiker in Deutschland und besonders
    als Justizminister (!) solltest du das wissen. Und wenn nicht, würde ich dich für
    jemanden halten der durch Beziehungen und Geld in den Posten
    reingekommen ist und sowieso mal kein wirklichen Peil
    davon hat, wozu er das Grundgesetz zumindest mal
    durchgelesen haben soll.

  15. ein sehr schöner artikel, vorallem bei:

    “Deutschland wir regiert […] von digitalen Immigranten”

    musste ich sehr schmunzeln

  16. Tja, so siehts aus in Deutschland:
    Digitale Einheimische gegen Internet-Ausdrucker
    Bin ja mal auf Sonntag gespannt….

  17. Es ist ja nicht so das die liebe Ursula nicht wüsste, dass ihr Gesetz in Bezug auf Kinderpronografie fast nichts nützt. Sie hatte Experten die ihr das erklärt haben, aber das Gesetz wurde trotzdem verabschiedet…

  18. Da vergleichste Äpfel mit Birnen. Ein Browser ist für das Internet wie der Motor im Auto. Wenn jetzt ein Politker nicht weiss, wozu Ventile, Kolben oder Steuerkette/Zahnriemen ist dann ist das nicht so wild aber wenn man die Aussage “Motor? was war nochmal ein Motor”? nimmt, die in deinem Vergleich am besten passt, dann würde man sicherlich aufgebracht sein, warum so einer z.b.: Verkehrsminister ist. So, zieht sich das durch unsere Geschichte, ich erinnere mal daran das wir schon Verteidigungsminister hatten die noch nicht mal gedient haben.
    Ich fand den Spiegel Artikel sehr amüsant zu lesen.

  19. nicht zu wissen was ein browser ist, ist vergleichbar nicht zu wissen, dass ein auto vier und nicht drei räder hat.

  20. Wenn man Gesetze verabschieden will muss man wissen was man da überhaupt probiert durchzuboxen, ansonsten soll man sich nen anderen Job suchen!

  21. Sehr schöner Bericht wie ich finde! Am besten gefällt mir der letzte Satz.
    “Die digitalen Einheimischen haben begonnen sich einzumischen.”

  22. dieser artikel ist mal wieder der letzte scheiss. seit wann muss man sich mit jedem technikfurz auskennen um entscheidungen zu treffen? damit können sich getrost so verpickelte fette fachidioten beschäftigen! was bitte spielt es für eine rolle, ob man nun weiß was ein browser ist? in bezug auf autos weiß sicher auch nicht jeder, wie es im kleinsten detail funktioniert. trotzdem fährt es jeder und vor allem (!!!): keiner zweifelt es an, dass es verboten ist, andere menschen tot zu fahren, oder bei rot über die ampel zu fahren.
    genauso ists auch im internet: wenn man sich damit beschäftigt, zu verstehen, wie es funktioniert, hat man nicht mehr die zeit dafür, SINNVOLLE regeln zu entwickeln. das ganze nennt man arbeitsteilung!

  23. Das ist ein Artikel nach meinem geschmack und das ganze auch noch bei einer renomierten Zeitung. Hoffentlich wird dieser Artikel auch in das Magazin hinein genommen.

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