Thema Nachhilfe

Einen wirklich spannenden Diskussionsansatz hat mir heute Community-Mitglied Alek geschickt. Lest einfach mal rein:

Da du gerade dabei bist, soziale Mißstände und kommerzielle Ausbeutung anzuprangern, hätte ich eine kleine Frage an dich und womöglich ebenfalls an die Community:

Es geht ums Thema Nachhilfe als neuer “Neuer Markt” und dessen exploitation durch große “Massenschülerhaltung”. Ich selbst habe bis vor kurzem für eine Organisation gearbeitet, die sich selbst als Experte für Nachhilfe tituliert und eine intensive Betreuung mit garantierter, merklicher Leistungssteigerung des Schülers verspricht. Nachgeholfen wurde dann in Gruppen, die mit bis zu fünf Schülern angefüllt waren und sich in den meisten Fällen durch extreme Heterogenität der Klassenstufe, des Leistungsniveaus und der spezifischen Fachanforderungen auszeichneten. Mir persönlich ist der Extremfall untergekommen, dass in einer Stunde (eigentlich einer anderthalben) fünf Schüler/innen aus fünf verschieden Klassenstufen in fünf verschieden Fächern Nachhilfe erteilt werden sollte. Wenn man nun von den sich ständig ereignenden Schwangung im Bereich der Motivation abstrahiert und die optimalsten Bedingungen für die geleistete Nachhilfe annimmt, die man sich vorstellen kann, so lässt sich doch nicht über das mathematische Faktum hinwegsehen, dass dem Nachhelfenden nur 18 Minuten pro Schüler verbleiben (90 min : 5 Schüler), wenn er jedem einzelnen das gleiche Maß an Aufmerksamkeit angedeihen lassen möchte.  Und für eine solche Durchschnittszeit zahlen die Eltern dann 15 Euro. Zudem mussten sie bei der Anmeldung ihres Kindes einen Vertrag unterzeichnen, der eine obligatorische Grundzeitspanne der Nachhilfe voraussetzte, nur mit einer zwei monatigen Frist kündbar ist und sich bei verstreichen der Rahmenfristen automatisch um einen weiteren Monat verlängert. Durch Krankheit oder unverschuldetes Fernbleiben versäumte Stunden wurde finanziell nicht erstattet, sondern im Stile von “Warengutscheinen” kompensiert, sprich mit einer kostenlosen Stunde ausgeglichen. Wenn keine hinreichenden Gründe für ein Versäumnis glaubhaft gemacht werden konnten, gab es noch nicht mal diese.

Was stand diesen Umständen nun an geschulter Qualität gegenüber? Ich muss an dieser Stelle vorausschicken, dass ich zwar Akademiker bin, jedoch nicht auf Lehramt studiert habe. In einem lächerlichen Vorstellungsgespräch betonte ich diese Tatsache und verwies ebenfalls auf meine limitierte Fachkompetenz in einigen Fächern und meine mangelnde pädagogische Bildung. Mit einem Lächeln, einigen Frasen und einem halbherzigen Blick in jene Unterlagen, die ich zur Unterstützung meiner Bewerbung mitgebracht hatte, wurden diese Dinge jedoch schnell abgetan und mir wurde versichert, dass ich mit meinem derzeitigen Fähigkeitsniveau eher die Regel als die Ausnahme auf dem Nachhilfemarkt darstellen würde und man mich nicht einstellen würde, wenn man auch nur den leisesten Hauch eines Zweifels besäße. Ein 15 minütiges Gespräche, welches durch ständige Anrufe, bestimmte acht Mal unterbrochen wurde und welches zu 3/4 nur durch Fragen meinerseits bestritten wurde, genügt also um einem Menschen die Kompetenz und seine Fähigkeit mit Kindern umgehen zu können, anzusehen. Eine Woche später unterzeichnete ich einen Vertrag, der in einigen Punkten gegen geltendes Arbeitsrecht verstieß und auch sonst einen eher befremdlichen Eindruck erweckte.

Wenig später wurde ich dann auf die Schüler losgelassen; Die ersten paar Stunden unterrichtete ich, wie abgesprochen, in jenen Fächer, in denen ich mich im Stande sah, Schüler weiter zu bringen: dies waren Naturwissenschaften (hierzu zähle ich, wie Kant, Mathematik nicht) und besonders Englisch (hier sah ich mein grösstes Kompetenzpotential).
Als sich jedoch Löcher in der Personalversorgung auftaten, wurde mir angetragen, mich auch in Bereich dienlich zu machen, in denen ich mir selbst keine übersteigerte Kompetenz zugestand. Auch dies, so fürchte ich, ist ebenfalls eine gängige Praxis. Dies schließe ich daraus, dass ich häufiger gefragt wurde, ob ich nicht “irgendwelche” Kommolitonen kennen würde, die ebenfalls Nachhife geben wollen. Im Laufe meiner halbjährigen Gelegenheitstätigkeit bei der in Rede stehenden Organisation, bekam ich mehr und mehr den Eindruck, dass eher der monetarisch Aspekt eine primäre Rolle einnahme, als die redliche Bestrebung hilfesuchenden Jugendlichen einen besseren Start in ihre Zukunft zu ermöglichen.Dies wurde mir umso bewusste, als mir gut gemeinte Hinweise gegeben wurden, dass ich die “Schüler” bei Laune halten und meine Anforderungen an den von ihnen zu leistenden Arbeitsbetrag senken sollte. Gerade im sprachlichen Bereiche ist es jedoch schwierig, ohne eine nachhaltige Beschäftigung mit der zu erlernenden Sprache, wirkliche Verbesserungen zu erzielen.

Nach all diesem langen Vorgeplänkel nun meine Frage:
Wie sind solche Organisationen, wie etwa der Studienkreis oder die Schülerhilfe  aus deiner pädagogisch geschulten Sicht zu bewerten? Sind diese nur auf das Geld aus oder können sie wirkliche Hilfe leisten? Und was meinst du überhaupt zum Nachhilfemarkt? Mir persönlich scheint es, als würde dort eine sehr finanzträchtiges Dienstleistungssegment heranreifen. Vielleicht kennst du ja jemanden, der andere und bessere Erfahrungen gemacht hat, als ich.

“Initiative comes to thems that wait.”

Danke für deine Zeit.

Mir als Lehrer war überhaupt nicht bewusst, dass sich dieser Bereich mitterweile auch schon in “Callcenter-Zuständen” befindet. Hat jemand da draußen bereits ähnliche Erfahrungen gemacht, wie Alek?

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