Arrrrr Pirates!

Leute, ich sags Euch ehrlich: Wenn ich noch eine einzige Mail bekomme, dass Jörg Tauss zur Piratenpartei wechselt, laufe ich Amok. Liest eigentlich irgendwer auf diesem Blog Comments? Ich dachte, es wäre schon nervig genug, dass nach der Rede von Tauss, die ich gestern gepostet habe, jeder zweite Comment darauf verwiesen hat. Und erst dieser nervige Zensursula-Song, den irgendwie jeder gestern im IRC gespammt hat. Keine Ahnung, aber mir geht dieser ganze Hype langsam gehörig auf die Nüsse: Ich unterschreibe keine Petitionen mehr, und ich werde auch definitiv nicht die Piratenpartei wählen. Habt Ihr Euch schonmal die Mühe gemacht, die Ausrichtung der Partei in irgend einer Form zu hinterfragen? Nein? Reicht ja auch, dass sie gegen das Verbot von Killerspielen und gegen das Kinderpornografie-Gesetz ist, oder?

Was mich immer wieder an der Internet-Community stört, ist die Tatsache, dass es gerade für die jungen Leute nur schwarz und weiß gibt. Jemand, der das propagiert, was man selber toll findet, ist ein Held, jemand, der nicht meine Meinung vertritt, mutiert sofort zum Hassobjekt. Das sind übrigens auch die Erfahrungen, die ich selbst in sieben Jahren Community-Arbeit gesammelt habe: Leute, die dich an einem Tag noch als kommenden Bundeskanzler gefeiert haben und einen mit “Du bist der Größte”-Queries zuspammten, eröffnen am nächsten Tag irgendwelche Flame-Threads, in denen sie dich mit Adolf Hitler vergleichen, weil Du es gewagt hast, sie nach andauerndem Spam aus dem IRC zu bannen.

Versteht mich nicht falsch, grundsätzlich finde ich es gut und lobenswert, dass man für das kämpft, woran man glaubt. Aber findet Ihr nicht auch, dass hier einige Leute gezielt versuchen, sich über den ganzen Konflikt und die Aufregung der Internet-Community zu “bereichern”. Das beste Beispiel ist doch der neue Held der Internet-Generation Jörg Tauss. Hey, seine Rede war großartig, keine Frage, aber mir ist der Mann irgendwie suspekt. Er feiert sich selbst ein bisschen zu sehr dafür, dass er jetzt zu den Piraten gewechselt ist. Hat schon mal jemand von Euch darüber nachgedacht, dass dies ein äußerst wohl überlegter Schritt von Tauss war? Er wurde aufgrund des Kinderpornografie-Verfahrens gegen ihn als Bundestags-Abgeordneter abgesetzt. In der SPD hätte er nie wieder einen “Fuß auf den Boden” bekommen. Was hatte er denn noch für Alternativen? Er hat das Potential der Piratenpartei mit den abertausenden Internet-Usern erkannt und hat in dieser Partei als potentieller Spitzenkandidat evtl. wieder die Chance, in den Bundestag einzuziehen. Selbst wenn diese Chance aktuell noch ziemlich gering ist, ist dies doch, seien wir mal ehrlich, seine einzige Chance, politisch in irgend einer Form noch eine Rolle zu spielen. Welche andere Partei nimmt den Kerl denn sonst noch?

Ich für meinen Teil werde jedenfalls diesen ganzen Hype und Panikmache nicht mehr mitgehen. Das Gesetz muss eh noch durch den Bundesrat und wird, trotz der Tatsache, dass es sich um ein Einspruchsgesetz handelt, in dieser Form niemals durchgehen. Hinter den Kulissen wird da noch einiges ablaufen, wovon wir überhaupt nichts mitbekommen. Die Datenschutz-Lobby in Deutschland ist stärker, als viele glauben und wird dort ein gewaltiges Wörtchen mitreden. Wir werden am Ende also ein deutlich entschärftes Gesetz vor uns liegen haben und für Zensursula wird es meiner Einschätzung nach die letzte Amtszeit gewesen sein, weil der Partei sicherlich über kurz oder lang bewusst werden wird, welch großen Schaden ihr Ansehen gerade bei den jungen Leuten mit diesem Gesetz(esentwurf) genommen hat. Und in unserer heutigen Politik geht es nun mal nicht um Inhalte und Kompetenzen, sondern ausschließlich um Beliebtheit und Umfragewerte.

Ich würde Euch abschließend also bitten, mich nicht weiterhin mit unendlich vielen Mails mit Petitionslinks, Piratenpartei-News, Zensursula-Songs und Tauss-Sprüchen zu überfluten. Es gibt ohnehin genug Blogs, die über nichts anderes mehr berichten. Die Demos, die am Wochenende gelaufen sind, befürworte ich natürlich. Es ist für mich absolut okay, den Leuten zu zeigen, dass es uns gibt und dass wir mit dem, was aktuell in der Politik läuft nicht einverstanden sind. Allerdings müssen wir alle gehörig darauf achten, dass wir nicht über kurz oder lang zu Instrumenten in irgendwelchen politischen Machtkämpfen mutieren.

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