Der falsche Gildenname

Manchmal glaube ich, dass die deutsche WoW-Szene nur auf solche Momente wartet. Ich finde es immer wieder unglaublich, wie gut die Leute darin sind, “aus einer Mücke einen Elefanten zu machen”. Da wird ein zugegebenermaßen geschmackloser Gildenname zur politischen Angelegenheit, die von der Bedeutung her eigentlich ein Fall für den Bundesgerichtshof sein müsste. Bis das endgültige Urteil gefällt wird, sollte ich “zur Sicherheit” aus allen Ämtern, inkl. meines Lehrerberufs enthoben werden und den ganzen Tag Steine kloppen.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass dieser kleine Mikrokosmos “Gamingwelt” für manche da draußen eine so große Bedeutung hat, dass man meint, alles was darin geschieht, müsste auch Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Jetzt mal ehrlich, meint Ihr wirklich, es würde meinen Schulleiter interessieren, was für einen Gildennamen ich in einem Computerspiel in meiner Freizeit wähle? Ihr würdet Euch wundern, wieviele Mails und PMs gestern bei mir ankamen, in den wortwörtlich stand: “Was ist, wenn Dein Schulleiter, Deine Schüler und die Eltern davon erfahren? Dann  bist Du Deinen Job los!” – Tut mir leid, aber bei sowas kann ich mir echt nur an den Kopf fassen. Ich weiß, dass dieses Computerspiel für viele von Euch essentielle Bedeutung hat, aber Ihr müsst einfach mal begreifen, dass es trotz allem nur ein Computerspiel ist, welches eine vergleichsweise kleine Randgruppe in Deutschland konsumiert.

Ich werde immer mal wieder per Mail gefragt, wie mein Leben als Promi denn so verlaufen würde, und wie oft ich denn auf der Straße erkannt werden würde. Einige von Euch werden jetzt laut auflachen, und das zu Recht, aber Ihr würdet Euch wundern, wie oft ich diese Frage gestellt bekomme. Damit Ihr es mal begreift: Ich bin weder ein Promi, noch werde ich auf der Straße erkannt oder gar angesprochen. Denn WoW und die Gaming-Szene sind einfach kein Bereich, der groß in der Öffentlichkeit steht.

Kommen wir nochmal auf die Sendung von gestern zu sprechen. Ich bin mir absolut sicher, dass unser Ingame-Event niemanden groß gejuckt hätte, wenn nicht der Ban von Blizzard hinzugekommen wäre. Die Ban-Mails am Ende der Sendung waren wohl die große “Drama-Lama-Komponente”, die die Community gebraucht hat, um den Vorfall zur weltpolitischen Angelegenheit zu erheben. Das Muster ist immer dasselbe: Die Fanboys verteidigen die Sache bis aufs Blut, möglichst in sieben Threads in unserem und im offiziellen Forum. Die Hater kommen aus ihren Löchern gekrochen und sehen ihre Chance, den über Jahre angestauten Frust aufgrund eines wowszene-Bans von 1978 loszuwerden, und es entsteht der übliche Flamewar, in dem sich alle Beteiligten gegenseitig hochschaukeln. Während der Sendung gab es vielleicht zwei Queries, die die Sache nicht so toll fanden, aber sonstige Einsprüche blieben aus.

Natürlich war der gewählte Gildenname geschmacklos und natürlich kann man mich dafür bannen. Was mich an der Sache nur aufregt, ist die Tatsache, dass sich die Leute größtenteils nicht mal die Mühe machten, den Mitschnitt runterzuladen, um den Zusammenhang zu verstehen. Mir wird vorgeworfen, ich würde bei den Gametests schlecht recherchieren (Stichwort: Tabletop), aber die Leute, die nicht mal genau wissen worum es geht, dürfen natürlich trotzdem mitdiskutieren.

Ich möchte an dieser Stelle nochmal unterstreichen, dass wir zu keinem Zeitpunkt in irgend einer Form die Person Marc Dutroux glorifiziert haben. Des Weiteren haben wir ebenfalls zu keinem Zeitpunkt seine Taten gerechtfertigt oder gar zur Nachahmung empfohlen. Alles, was wir gemacht haben, war Athene einen Spiegel vors Gesicht zu halten, damit er vielleicht bei all seiner “Satire” mal merkt, wie es ist, mit einem Kapitel der eigenen Geschichte konfrontiert zu werden, das einem eigentlich ziemlich peinlich ist und worüber man im Grunde am liebsten gar nicht mehr reden möchte. Geschmacklosigkeit mit Geschmacklosigkeit zu kontern, ist vielleicht nicht die angemessenste Methode, aber meiner Ansicht nach erreicht man ihn nicht anders. Mit “Du Athene, hör bitte mal damit auf, die Deutschen ständig als Nazis hinzustellen, das macht uns traurig” wären wir sicher nicht weit gekommen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mein WoW-Account ist jetzt erstmal “zur genaueren Untersuchung gesperrt” – wobei ich der Meinung bin, dass eine Verwarnung und Umbenennung der Gilde auch ausgereicht hätte. Ich muss mir den Vorwurf gefallen lassen, die Sache nicht so schlau angefasst zu haben. Die “Dutroux-Botschaft” hätte man auch, genauso wie Athene, aufs Video beschränken können. Die Einzigen, die mir in diesem Moment Leid tun, sind die ehemaligen TPC-Jungs aus meinem 10er Raid – die haben nämlich extra alle getranst, damit wir 1-2 Mal die Woche zusammen raiden können. Naja, mal schauen, wie lange Blizzard für seine “genaue Untersuchung” noch so braucht…

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