Neulich im Wartezimmer

Scheinbar durch meinen Austausch mit Johanna angeregt, steigt urplötzlich die Zahl guter bis sehr guter Leserbriefe von weiblichen Community-Mitgliedern. Beispiel gefällig? Celina schrieb mir heute folgenden Erfahrungsbericht, der mich wirklich zum Lachen gebracht hat. Lest unbedingt mal rein!

Wie viele Deutsche derzeit, hat es auch mich diese Woche mit einer Erkältung niedergestreckt und obwohl ich mich noch 2 weitere Tage tapfer zur Arbeit geschleppt habe, in der Hoffnung das würde einfach so vorübergehen, musste ich mich doch letzten Endes den Bazillen geschlagen geben. Also saß ich heute Morgen, als vorbildlicher Arbeitnehmer, im Wartezimmer meines Hausarztes um ordnungsgemäß einen gelben Schein zu beantragen.

Weniger vorbildlich war, dass ich gestern noch bis in die Nacht gezockt habe und meinen Termin heute fast verschlafen hätte. Also hab ich mich in aller Eile fertig gemacht und in meinem schlaftrunkenen, verpeilten Zustand die Taschentücher daheim vergessen. So saß ich da mit 2 weiteren Personen in einem Raum, einem Klatschblatt von 2008 in der Hand und überlegte wie ich meine triefende Nase bändigen soll. Die Praxis stellte zwar erfrischende Kaltgetränke bereit, jedoch nichts um einen Schnupfen wie den meinen zu bezwingen. Also beschränkte ich mich auf das althergebracht „Hochziehen“. So füllte ich die Stille alle 30 Sekunden geräuschvoll und recht undamenhaft, was mir auch prompt pikierte Blicke von der Frau schräg gegenüber einbrachte, welche mich über den Rand ihrer goldenen Brille hinweg angewidert musterte. Selbst mir wurde das Spektakel nach 10 Minuten zu viel und ich beschloss mein bereits geschundenes Riechorgan mit zwei äußerst rauen Blättern aus dem Papiertuchspender der Toilette zu quälen, welche ich nach Benutzung umgehend im Mülleimer des Wartezimmers entsorgte. Endlich konnte ich mich wieder etwas entspannter meiner Lektüre widmen und Revue passieren lassen, was vor 3 Jahren spektakuläres in der Promiwelt los war. Als auch das zweite Blatt seinen Weg in die Mülltüte gefunden hatte, meldete sich die Frau mit der Goldbrille recht unfreundlich zu Wort:

„Finden sie das gut was sie da machen?“

Ich war verwirrt… was machte ich denn? Hatte ihr meine Soloeinlage im Schniefkonzert besser gefallen und sie war enttäuscht, dass ich mir Taschentücher geholt habe? War sie sauer, weil SIE eigentlich viel lieber ihre Erinnerung von 2008 auffrischen wollte, und ich ihr aus Versehen die Zeitschrift vor der Nase weggeschnappt hatte? Meine Begriffsstutzigkeit ließ sie zu einer weiteren Aussage herab:

„Wollen sie die ganze Praxis anstecken?!“

Ihre Stimme glitt eine halbe Oktave höher, und ich zermarterte mir das Gehirn, was ich denn schlimmes gemacht haben könnte.

„Sie können doch nicht einfach ihre Taschentücher hier in den Mülleimer werfen!“

Nicht?? Was denn dann? Soll ich sie essen? Den ganzen Tag mit mir rumschleppen (es gibt wenig vor dem ich mich ekel, aber unter den Top 20 sind mit Sicherheit nasse Taschentücher in der Hosentasche)? Andere Patienten damit bewerfen? Sie dem Arzt zur Analyse der Bakterienvielfalt in meiner Nasenschleimhaut mitgeben?
Ich glaube sie war ein wenig frustriert einen Monolog führen zu müssen, aber ich gehöre zu der Sorte Mensch, die das Monotasking bevorzugt – gleichzeitig denken und reden war noch nie meine Stärke (Ich bin froh, dass ich das mit der Atmung hinbekomme).

„Entsorgen sie ihre Bazillen gefälligst im Mülleimer der Toilette, sonst stecken sie hier noch jeden an!“

Mein Gehirn ratterte das medizinische Wissen über Tröpfcheninfektionen durch, denn ich war mir eigentlich sicher, dass man sich NICHT über die Luft ansteckte. Frau Brille starrte mich weiterhin erwartungsvoll an, also murmelte ich etwas von, dass es nicht meine Absicht war alle anzustecken. Ihr Blick wurde gebieterisch… MOMENT MAL!! Wollte diese grauhaarige Oberlehrerin tatsächlich, dass ich meine vollgerotzten Taschentücher wieder aus dem Mülleimer fische, nur um sie wieder im Badezimmer zu entsorgen?

Ihr stierendes Schweigen beantwortete meine Frage mit Ja! Als ich ihr gerade in einem Anflug von Spontaneität vorschlagen wollte, sich von den Sprechstundenhilfen Gummihandschuhe geben zu lassen, um die Arbeit selbst zu verrichten und sich gleich noch einen Mundschutz gegen die üblen Bazillen dieser Welt zu holen, wurde ich aufgerufen und konnte das ungeliebte Wartezimmer verlassen.

Mein Arzt, weise wie er ist, diagnostizierte mir eine Erkältung, und ich erhielt den erhofften gelben Schein im Vorteilspack mit einer Menge Ratschlägen von „Du sollst nicht rauchen“ bis hin zu Klassikern wie „Viel schlafen und trinken“. Ich glaube er ist sowieso der einzige Arzt, der anstelle von medizinisch anschaulichem Material lieber alte Bügeleisen und Bettpfannen in seinem Arbeitszimmer stehen hat. Ich bedankte mich und eilte zurück ins Wartezimmer, um schnellstmöglich meine Jacke zu greifen und verschwinden zu können. Kaum den Raum betreten, welcher sich in meiner Abwesenheit mit 4 weiteren Mitschniefern gefüllt hatte, richtete sich schon wieder Frau Brilles alles vernichtender Blick auf mich. Anscheinend war sie in Panik der Mülleimer könne sich noch mit weiteren bakterienverseuchten Tüchern füllen und beschloss an mir (ihrem Erstopfer) ein Exempel für die Neuankömmlinge zu statuieren.

„Da sind sie ja wieder! Und? Entfernen sie jetzt noch ihre Taschentücher bevor sie verschwinden?!“

Das war keine Frage sondern ein Befehl! Jetzt reicht‘s! Ich schlüpfte in Windeseile in meine Jacke, ging zu ihr hinüber und legte eine Hand auf ihre Schulter. Das Entsetzen war ihr ins Gesicht geschrieben, was mir ein Lächeln abrang und ich sagte so zuckersüß und freundlich, wie es irgend möglich war:

„Keine Sorge, mein Arzt meinte ich sei längst nicht mehr infektiös und man könne sich sowieso nur durch Tröpfcheninfektion anstecken und nicht über die Luft!“

Sie schwieg und ich ging Richtung Wartezimmertür. Im Türrahmen angekommen beschloss ich ihr den Gnadenstoß zu geben und sagte laut:

„Da ist die Gefahr größer, dass sie sich an meiner Hepatitis C anstecken!!!“

Ich vernahm einen unterdrückten Aufschrei und vermute stark, sie ist nach meiner Aussage im Eiltempo ins Bad gestürzt, um sich Ganzkörper zu desinfizieren. Ihr Glück, dass meine gebrauchten Taschentücher im Wartezimmer lagen, denn ich nehme an, sie wird mehr Zeit auf der Toilette verbracht haben als woanders…

Jetzt muss ich mir nur überlegen, wie ich meinem Arzt das nächste Mal erkläre, dass ich gar keine Hepatitis habe…

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