Neues aus Bremen

Ekici

Es sind zwei Spieltage der neuen Fußball-Bundesliga-Saison gespielt und Werder Bremen liegt Samstag-Abend auf dem vierten Platz der Tabelle. Aus zwei Spielen wurden sechs Punkte geholt. Darüber hinaus steht in der Spalte “Gegentore” eine fette “0” auf dem Papier. Der geneigte Fußball-Kritiker (oder HSV-Fan) wird jetzt anmerken, dass wir ja nur Abstiegskandidaten als Gegner hatten – ja eben! Mit genau diesen Teams hatten wir in den letzten Jahren die größten Probleme. Und ich bin mir sicher, dass wir diese beiden Spiele in der letzten Saison noch verloren hätten.

Nicht nur durch die beiden Ergebnisse wird der Unterschied zur Vorsaison deutlich, sondern vor allem durch die Spielweise: In der letzten Spielzeit hatten wir gegen Gegner im unteren Tabellenbereich viel Ballbesitz, mehr Spielanteile und meistens Niederlagen zu verzeichnen. Wenn man die letzten drei Jahre als Werder-Fan miterlebt hat, kann man ein Lied davon singen, dass mehr Ballbesitz und eine optische Überlegenheit noch lange nicht bedeutet, dass man Spiele gewinnt.

In den ersten beiden Spielen der neuen Saison ist das vollkommen anders: Sowohl im Spiel gegen Braunschweig, als auch heute gegen Augsburg hatte der Gegner mehr Ballbesitz, ein optisches Übergewicht und mehr Torschüsse. Die neue Dutt’sche Spielphilosophie geht von eher passiveren Spielweise aus. Man lässt den Gegner das Spiel machen und versucht, über schnelle Gegenstöße zu überraschen. Ist Euch aufgefallen das Werder in beiden Spielen die Tore jeweils in einer Drangphase des Gegners gemacht hat?

Hinzu kommt, dass sich die Erwartungshaltung in Bremen gewandelt hat. Ist Euch aufgefallen, wie das Publikum die Mannschaft heute getragen hat? Letzte Saison hätten die Fans bei einem knappen 1:0 und kaum rausgespielten Torchancen der Grün-Weißen noch gepfiffen. Allerdings hat man in Bremen nun endlich kapiert, dass die glorreichen Champions-League-Zeiten vorbei sind. Die verwöhnten Werder-Fans haben sich damit abgefunden, dass das Primärziel der Klassenerhalt ist. In Bremen wird kein spielerisches Feuerwerk mehr abgefackelt, wie es zu Micoud-Zeiten im Weserstadion üblich war. Heute wird der Einsatz und der Kampfeswille des Team mit Beifall belohnt – und eben das hat die Mannschaft heute erfolgreich gezeigt.

Was ebenfalls auffällt, ist, dass Werder Bremen in der neuen Saison viel intelligenter spielt. Ist man noch vor drei Monaten kopflos angerannt, so wirkt das gesamte Spiel viel geplanter und durchdachter. Auch wenn es durchaus spielerische Mängel gibt, ist man mit den eigenen Torchancen viel gefährlicher. Augsburg hatte heute das Dreifache an Torschüssen, allerdings war Werder in jeder Torszene dem Tor näher, als die Gästen aus dem Süden Deutschlands. Ich erinnere nur an die zwei Abseitstore, von denen zumindest das Hunt-Tor hätte zählen müssen. Auch die Abwehr um die Neuzugänge Makiadi und Caldirola wirkt gefestigter – zwar gibt es immer wieder Szenen, die an die Slapstick-Defensive der letzten Jahre erinnern, allerdings sind diese nicht ansatzweise so häufig zu sehen, wie in der letzter Saison.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich erkenne bei Werder einen Aufwärtstrend. Natürlich ist dies eine Momentaufnahme, die sich jederzeit wieder ändern kann. Und natürlich haben wir eine schwere Saison vor uns, in der es primär um den Klassenerhalt geht. Allerdings bleibe ich bei meiner Voraussage von vor der Saison, dass wir in diesem Jahr Platz 10-14 belegen werden und mit dem direkten Abstieg nichts zu tun haben.

Und wenn ich die Flames der gefrusteten HSV-Fans lese, wir sollten doch mal abwarten, bis wir gegen die richtig großen Mannschaften der Liga spielen müssten, zaubert mir dies ein Lächeln aufs Gesicht. Denn genau darum geht es ja: Gegen die richtig großen Mannschaften der Liga müssen wir nicht gewinnen – diese Teams entsprechen nicht unserer Kragenweite. Und im Gegensatz zum HSV haben wir das auch endlich geschnallt. Bei uns gibt es keinen Präsidenten, der sich vor der Saison hinstellt und davon spricht, man wäre mit Wolfsburg und Schalke auf einer Stufe. Bei uns schreibt die Presse nicht davon, dass wir ein “schlafender Riese” wären und das Saisonziel ein internationaler Platz sei. Und das ist auch gut so! Warum? Weil wir so die Chance haben, ohne großen Druck aufzuspielen und uns zu steigern – während der HSV von Spieltag 1 unter Druck steht und sich bei jeder weiteren Niederlage mehr Unmut breit macht, weil man die gesteckten Ziele nicht erreicht. Der HSV ist schon seit vielen, vielen Jahren das Opfer der eigenen, völlig unrealistischen Ansprüche. Denkt mal drüber nach, liebe HSV-Fans!

Und ja, wir werden aller Voraussicht nach am Freitag in Dortmund untergehen. Und ja, die Dauernörgler werden wieder aus ihren Löchern gekrochen kommen, von einem Rückschritt sprechen und den guten Saisonstart schlechtreden. Aber wen juckt’s? Wir müssen unsere Punkte aus den Spielen gegen Gladbach und Frankfurt holen. Und wenn wir nach dem fünften Spieltag 7-9 Punkte auf dem Konto haben, bin ich mehr als zufrieden. Und dann… dann geht’s nach Hamburg zum Nordderby…

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