Leuchtturm: Alte Werte und wahre Liebe

Woran merkt man, dass man alt wird? Neben dem lichter werdenden Haar, merke ich es vor allem daran, dass ich mich langsam so anhöre, wie meine Eltern. Ich beginne in letzter Zeit sehr oft Sätze mit “Wir haben früher” oder einfach nur “früher”. Ich will jetzt gar nicht groß mit dem Werteverfall anfangen, so wie es der Titel evtl. impliziert. Ich mag auch gar nicht groß beurteilen, ob die “alten Werte” überhaupt besser waren, als das, was Eltern heute ihren Kindern beibringen. Ich möchte nur beschreiben, worin ich persönlich für mich ein Problem sehe.

Meine Freundin ist über zehn Jahre jünger als ich, daher ist sie natürlich mindestens eine Generation nach mir groß geworden. Ich finde es immer wieder spannend, zu sehen, was für Dinge ihr wichtig sind, worüber ich nur den Kopf schütteln kann – und umgekehrt ist es natürlich auch oft so. Das beste Beispiel ist ihre verschwenderische Art, mit Lebensmitteln umzugehen. Das ist eine Sache, die mich regelmäßig auf die Palme bringt. Meine Mutter hat mir, als ich klein war, beigebracht, dass man seinen Teller immer aufessen muss, schließlich hätten ja “die Kinder in Afrika gar nichts zu essen”, von daher dürfte man ja nichts wegschmeißen – Ihr kennt den Spruch evtl. Auch wenn die Begründung natürlich lächerlich ist, so fühlte ich mich immer gut dabei, “respektvoll” mit Lebensmitteln umzugehen – d.h. ich achte beim Kochen oder beim Kaufen/Bestellen immer darauf, dass ich auch nur so viel auf dem Teller habe, wie ich auch essen kann.

Bei meiner Freundin ist dieser Wert nicht vorhanden. Ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der so verschwenderisch mit Lebensmitteln umgeht. Nicht nur, dass sie die Portionen regelmäßig so kocht, dass IMMER etwas übrig bleibt, nein, sie isst auch einfach nie ihren Teller leer. Wir sind jetzt acht Jahre zusammen, und meine Herzensdame hat es in diesen acht Jahren beispielsweise nicht geschafft, die Nudelportionen so zu timen, dass nicht drei Leute davon satt werden würden. Mich macht das rasend! Ich kann mich an meine Jugend erinnern, als ich anfing für mich selbst zu kochen und beim zweiten eigenen Versuch, Spaghetti Bolognese zu kochen, genau wusste, wie viele Nudeln ich nehmen muss, damit ich satt werde, aber nichts wegschmeißen muss. Sie hat das in acht Jahren nicht hinbekommen. Und ich frage mich mittlerweile, ob es ihr a) völlig egal ist oder b) sie das evtl. absichtlich macht, um ggf. immer etwas über zu haben, falls man danach noch irgendwann Hunger hat. Möglichkeit b) passiert allerdings in der Praxis nie, da wir IMMER alles wegschmeißen. Es ist übrigens nicht nur bei Nudeln das Problem. Meine Freundin isst nie auf, NIEMALS. Und ich glaube, dass es ihr einfach auch egal ist. Sie sieht das halt nicht so eng. Mittlerweile ist es oft so, dass ich nicht nur meinen Teller aufessen, sondern auch noch ihre Reste verspeise. Ich weiß nicht, ob hierbei das Problem überhaupt bei ihr oder mehr bei mir liegt…

So verschwenderisch und großzügig, wie sie mit Nahrungsmitteln umgeht, so kleinkariert und pingelig ist sie im Umgang mit Sauberkeit und Hygiene. Sie rastet regelmäßig aus, wenn ich es wage, an einem leicht regnerischen Tag meine Schuhe nicht direkt am Eingang auszuziehen, sondern damit zu unserem Schuhregal gehe, was einen Meter rechts vom Eingang steht. Oft lässt sie sich auch darüber aus, wie dreckig es bei uns doch sei, ich solle mir doch einfach mal das Wohnzimmer anschauen. Wenn ich das dann tue und wirklich absolut nichts feststellen kann, was halbwegs dieser Beschreibung entsprechen würde, wird sie wütend und versucht mir irgendwelche angeblichen Flecken zu zeigen, die man nur aus einem bestimmten Winkel und Lichteinfall sieht. Ich kann dann immer nur den Kopf schütteln.

Während die zweite Anekdote mehr eine persönliche Eigenschaft/Tick ist, so muss ich auch in meiner Tätigkeit als Lehrer immer wieder feststellen, dass viele Werte mit denen ich groß geworden bin, in den letzten zwanzig Jahren fast komplett verschwunden sind. Der anfangs von mir geschilderte verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln, ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Das Problem hierbei ist wohl einfach, dass meine Eltern noch der Nachkriegs-Generation angehört haben, die mit Nahrungsmittel-Knappheit aufgewachsen ist und daher diesen Wert an ihre Kinder weitergegeben hat. Heutzutage sind Lebensmittel allgegenwärtig und das in großen Mengen. Erzählt heute mal nem Kind, es solle aufessen, weil die Kinder in Afrika hungern würden – da wird Dir geantwortet: “Dann schick ihnen doch das, was ich übrig lasse!”

Ein weiterer wichtiger Punkt, der mich immer wieder nachdenklich macht, ist die Art und Weise wie heutzutage Beziehungen geführt werden. Ich hatte letztens auf ner Party eines alten Freundes eine intensive Diskussion mit einem Studenten zu dem Thema. Er konnte dabei einfach nicht verstehen, wie man sich “heutzutage noch für einen monogamen Lebenstil entscheiden könne”. Das wären doch total konservative und völlig überholte Wertevorstellungen. Bin ich wirklich spießig, wenn ich an “die Eine”, “wahre Liebe” und Treue glaube? Ist es wirklich zeitgemäßer, regelmäßig die Freundin zu wechseln, um möglichst viel Abwechslung zu haben? Wenn ich die Menschen um mich herum verfolge, scheine ich wirklich ein wenig “hinter dem Mond” zu leben. Besonders meine etwas jüngeren Bekannten und Freunde (so zwischen 18 und 27) wechseln extrem oft den Partner. Paare, bei denen ich immer davon ausging, dass sie ewig zusammen bleiben, gehen urplötzlich getrennte Wege. Erst heute hat mir ein Freund berichtet, dass er sich von seiner Frau (und Kind) getrennt hat.

Mich macht das traurig. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein Scheidungskind und weiß, wie anstrengend und kräftezehrend es sein kann, wenn es als Paar nicht mehr funktioniert und man sich nur noch streitet. Trotzdem fehlt mir bei vielen Paaren heutzutage der unbedingte Wille, gemeinsam auch durch schwere Zeiten zu gehen, bzw. zueinander zu stehen. Beim ersten kleinen Streit (wenn die Schmetterlinge weg sind), wird sich getrennt. Ich bin jetzt mit meiner Freundin, wie berichtet, acht Jahre zusammen. Wir gehen uns oft gegenseitig arg auf den Sack. Glaubt mir, sie nervt mich manchmal echt zu Tode. Allerdings gibt es so viele tolle Momente, die das alles wieder vergessen machen. Ich bin nach acht Jahren immer noch extrem glücklich und würde sie gegen keine andere Frau auf der Welt eintauschen.

Eine Beziehung ist immer Arbeit – auch wenn das blöd klingt. Man muss sich in vielen Bereichen aufeinander einstellen. Man muss Rücksicht nehmen, ohne sich dabei zu verlieren. Ich hasse Menschen, die versuchen, in einer Beziehung ihren Partner nach ihren Wünschen und Bedürfnissen “zu erziehen”. Sowas geht nie lange gut. In einer guten Beziehung müssen sich die Zugeständnisse und eigenen Bedürfnisse immer die Waage halten. Niemand kann glücklich sein, wenn er sich seinem Partner ständig unterordnen muss. Aber wenn man irgendwann einen Punkt erreicht hat, an dem man weiß, was dem anderen wichtig ist und sich so quasi blind versteht, ist eine Beziehung (auch ohne Schmetterlinge) meiner Meinung nach das, was dem Begriff “Liebe” am nächsten kommt. Und ich finde es schade, dass gerade junge Leute diesen Weg oft nicht gehen wollen und eine Beziehung daher viel zu schnell beenden.

Auch wenn dies ein Leuchtturm ist, bei dem ich ja bisher immer nur zu meinem Tagebuch gesprochen haben, würde ich mir viel Feedback von Euch wünschen, liebe Community. Ich finde diese Themen extrem wichtig – besonders in der heutigen Zeit. Mich würde Eure Meinung zu den “alten Werten” und auch zum Thema Liebe/Beziehung sehr interessieren. Lebe ich mit meinen Ansichten wirklich “hinterm Mond”?

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