Die Liebe des Lichkings

Stev_danke

Ich bin ca. dreizehn Jahre in der deutschen Gaming-Szene aktiv. Seit frühester Jugend habe ich eine große Affinität zu Computerspielen. Ich habe sie immer gespielt, und für mich sind sie ein großartiges Hobby. Durch Computerspiele habe ich in den letzten dreizehn Jahren Hunderte von interessanten Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt. Mir wurden Möglichkeiten eröffnet, die ich sonst niemals erhalten hätte.

Gaming ist in Deutschland immer noch verpönt. Gerade die Boulevard-Medien berichten äußerst negativ darüber: Ängste werden geschürt, Klischees werden verbreitet. Fakt ist, dass Gaming schon lange keine kleine Subkultur mehr ist – es ist ein Massenphänomen. Andere Länder haben das bereits erkannt und gehen entsprechend damit um.

Ich selbst habe in meinem Leben außerhalb meiner Gaming-Welt schon immer mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt. Lehrer und Pädagogen sind in Sachen Computerspiele äußerst festgefahren. Ich habe aus meinem Hobby nie einen Hehl gemacht, und dies hat mir in meinem Beruf oft Probleme bereitet. Viele von Euch werden die Reaktionen der Menschen kennen, wenn man davon berichtet, dass man in seiner Freizeit Computerspiele spielt. Ich bin froh, am Ende meines Weges einen Schulleiter gefunden zu haben, der mich so gelassen hat, wie ich bin, und für den ich mich nicht verändern musste. Viele von Euch haben vielleicht nicht so viel Glück gehabt.

Was ich aber eigentlich sagen will: Ich liebe das, was ich hier tue – mehr als alles andere. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Liebe immer gut für mich war. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Liebe mich nicht die tollste Frau auf der Welt gekostet hat. Aber ich weiß, dass mich nichts auf der Welt so glücklich macht, wie das alles hier. Ich war immer bereit, alles was ich habe, für Euch und “unser Ding hier” zu geben. Es ist nach all den Jahren immer noch mein Traum, das alles hauptberuflich machen zu können – in einem Büro mit einer festen Crew und Angestellten.

Ich habe in den dreizehn Jahren eine Menge toller Menschen kennengelernt. Viele davon entsprachen nicht dem “gesellschaftlichen Standard”. Nein, sie waren nicht alle übergewichtig, ungepflegt, hässlich, dumm, sozial ausgegrenzt, arbeitslos oder haben gestunken. Aber sie waren teilweise 1-2 Dinge von dieser Liste. Oftmals haben sie in ihrem Leben auch einfach keine richtige Chance bekommen. Oder sie haben einen Fehler gemacht und bekamen keine zweite Chance. Ich habe immer nur das unglaublich große Potential in diesen Menschen gesehen. Ich habe Männer kennengelernt, die unglaublich talentiert in vielen, vielen Bereichen waren. Sie waren Hartz IV-Empfänger und steckten ihre gesamte Energie und Leidenschaft in ihr Hobby, bzw. in ihre Gilde. Sie konnten Menschen anführen, sie haben dich motiviert, sie waren Perfektionisten und Visionäre. Nur hatten sie in ihrem realen Leben nie die Chance, ihre Fähigkeiten zu präsentieren. Ich würde jeden Einzelnen von ihnen irgendwelchen karrieregeilen BWL-Studenten oder sonstigen “Gewinnern” vorziehen. An dem Tag, an dem ich im Lotto gewinne, weiß ich, wo ich mir meine Mitarbeiter suchen werde…

Wacht endlich auf! Hört auf, Euch für das zu schämen, was Ihr seid und was Ihr tut. Fangt an, Euer Potential abzurufen. Wenn Euch niemand eine Chance geben will, dann baut etwas Eigenes auf. Sucht Euch etwas, was Euch glücklich macht – und Ihr werdet gut darin sein. Nichts anderes habe ich hier getan. Glaubt an Euch, auch wenn niemand anders das tut. Ihr seid hundert Mal mehr wert, als jeder selbstverliebte Arsch, dem der Erfolg durch Papas Kreditkarte in die Wiege gelegt wurde. Und das Allerwichtigste: Steht nach Niederlagen wieder auf. Leidet, trauert, lernt daraus und kämpft weiter – und Ihr werdet unbesiegbar sein.

Ich glaube daran, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg findet muss und darüber den Sinn des Lebens für sich selbst definiert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen schon gefunden habe. Mein Leben hat sich in den letzten 1-2 Jahren auf den Kopf gestellt. Ich irre momentan ein wenig ziellos umher, weil ich nicht weiß, für welche “Seite” ich mich entscheiden soll. Ich bin ganz ehrlich: Wenn meine Frau zu mir zurückkommen würde, und ich wüsste, dass wir eine richtige zweite Chance hätten, würde ich das hier alles hinschmeißen – einfach weil sie die große Liebe meines Lebens war. Allerdings würde sie das wahrscheinlich nie von mir verlangen, weil sie weiß, wie sehr ich das alles hier liebe – und vielleicht ist genau das immer unser Problem gewesen.

Aber egal, was in der Zukunft mein Weg ist und wie ich diesen beschreiten werde (ob mit alter oder neuer Amazone an meiner Seite), ich werde immer Euer Lichking sein – ob für ein paar Hundert oder Tausende von Euch. Ich werde immer versuchen, alles zu geben und mit meiner Arbeit Euer Leben zu bereichern. Denn das ist für mich das größte Glück auf Erden: Die Erkenntnis, etwas zu tun, was anderen Menschen Freude bereitet. Das ist es, was ich tun will.

Und eines noch: Ich habe mit allem meinen Frieden gemacht. Die Zeit ist zu wertvoll, als das man sie mit irgendwelchen Streitereien vergeuden sollte. Was natürlich nicht heißt, dass ich irgendwann davor zurückschrecken werde, meine Meinung zu sagen, wenn mir mal irgendwer oder irgendwas auf den Sack geht (“Twitch-Whores”). Ich habe mir mittlerweile angewöhnt, aus vielen Dingen die positiven Aspekte herauszuziehen. Ich habe mich mit Vanion gestritten. Wir hatten ein scheiß Ende und sind uns sicherlich immer noch nicht ganz grün. Allerdings hatten auch wir eine tolle Zeit zusammen. Wir hatten legendäre Sendungen und Events und waren ein super Team. Warum sich nicht an das Gute erinnern, statt dem jeweils Anderen vorzuhalten, dass seine Handlungen schlimmer waren, als die eigenen?

Viele Mitstreiter haben mir im Laufe meiner Gaming-Karriere den Rücken gekehrt. Viele davon waren Arschlöcher, oft genug war ich selbst auch eines. Aber ich habe an jeden Einzelnen von ihnen auch gute Erinnerungen. Ich sage nicht, dass es nie wieder zu einem Flamewar kommen kann. Ich bin ein sehr emotionaler Typ, mit dem gerne auch mal “die Pferde durchgehen”. Allerdings sage ich am heutigen Tag, dass ich mit allem aus meiner Gaming-Vergangenheit im reinen bin und mich mit einem Großteil der Leute ausgesprochen habe.

Ach, und eine Sache noch: mpox, es ist mir ein großes Bedürfnis, Dir zu sagen, welch große Stücke ich auf Dich halte. Ich habe Dir nie so richtig verziehen, wie Ihr damals gegangen seid. Das ändert aber nichts daran, was für ein unglaublich talentierter Typ Du bist. Ich wünschte, ich wäre nur halb so gut vor dem Mikrofon wie Du. Ich würde schrecklich gerne mal wieder was mit Dir zusammen machen – egal wo, wie oder wann. Dies ist eine Einladung an Dich: Wenn Du Lust hast, würde ich auch gerne mal eine gemeinsame Sendung mit Dir in unserem Studio machen – falls Du Deinen Arsch mal aus Deinem Kaff rauskriegst 😉

In diesem Sinne: Danke für all die langen Jahre, in denen ich das Privileg hatte, Teil Eures Lebens zu sein. Egal, ob ich das noch ein oder zwanzig Jahre so weitermache, ich werde Euch und diese Zeit niemals vergessen. Ihr alle seid die wahren Schöpfer des Lichkings. Ohne Euch hätte ich diese Reise niemals bestreiten können. Und jetzt setze ich mich wieder an Allimania 20, um das zu tun, was ich immer getan habe: Abliefern.

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Gaming, Nachgedacht
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