Leuchtturm-Woche: Schulnoten und Bildung

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Ich mag keine Schulnoten. Ich habe sie als Schüler nicht gemocht und mag sie als Lehrer noch viel weniger. Aber auch wenn viele Lehrer und Pädagogen Schulnoten verteufeln, passen sie in unser Schulsystem. Ohne eine Benotung würde es meiner Ansicht nach nicht funktionieren. Aktuell dienen sie als Indikator dafür, ob ein Schüler den behandelten Schulstoff verinnerlicht hat – quasi eine Art bewertende Lernkontrolle.

Im aktuellen Lehrer-Alltag müssen wir in relativ kurzer Zeit stumpf unsere Lehrpläne und schulinternen Arbeitspläne abarbeiten. Es wird also quasi wie am Fließband sehr viel Wissen in die Schüler reingeschüttet. Ob dieses Wissen den jeweiligen Schüler interessiert, ist dabei nicht von Belang. Wichtig ist nur, dass man dieses Wissen so schnell wie möglich verinnerlicht und im Stile eines Roboters herunterbeten kann. Und eben weil so viel Wissen in so kurzer Zeit vermittelt wird, dienen die Noten dazu, irgendwie die Übersicht im Bildungsdschungel zu behalten und einen Indikator zu finden, inwieweit die Schüler in der Lage waren, Roboter zu sein.

Und hier kommen wir zum Hauptproblem im deutschen Bildungssystem: Der gelernte Stoff wird eben größtenteils nicht verinnerlicht, sondern in kürzester wieder vergessen, weil es die meisten Schüler a) nicht interessiert und b) man sein Hirn-Volumen schon wieder für die nächste Schulstoff-Ladung freimachen muss. Wir Lehrer stehen dieser Sache relativ hilflos gegenüber. Wir sind an Lehrpläne und bestimmte Inhalte gebunden und können nur versuchen, so kreativ und didaktisch fortschrittlich wie möglich den Schülern diese Inhalte zu vermitteln.

Ich selbst ziehe immer eine Augenbraue nach oben, wenn ich einen Kollegen höre, der Schulnoten abschaffen will. Denn meiner Ansicht nach ist dies nicht möglich, ohne das gesamte Schulsystem zu hinterfragen bzw. umzustrukturieren. Die gesamte Bildung dreht sich in Deutschland seit vielen Jahren im Kreis. Bestimmte Konzepte kommen in Mode, Unterrichtsmethoden ändern sich und aktuell reden alle von den Kompetenzen, die wir Lehrer vermitteln sollen. Meiner Ansicht nach ist das Problem am deutschen Bildungssystem nicht die Art, wie wir Inhalte vermitteln, sondern die Inhalte selbst. Denn anstatt die Schüler selbst entscheiden zu lassen, was sie lernen wollen, zwingen wir ihnen Themen und Fächer auf, die sie nicht interessieren und die sie gar nicht lernen wollen.

Wenn man sich mal an seine eigene Schulzeit zurückerinnert: Wie viele Dinge, die Ihr in der Schule gelernt habt, waren später für Euer Leben relevant? Ich persönlich würde sagen, dass ich mindestens 90% des Schulstoffes, den ich in der Schule gelernt habe, in meinem späteren Leben nie wieder gebraucht habe. Und dafür habe ich 13 Jahre in der Schule gesessen? Klar durfte ich ab der 11. Klasse auch Fächer wählen, allerdings hatte man jetzt nicht gerade eine große Auswahl, bzw. konnte bestimmte Fächer gar nicht abwählen.

Der 0815-Pädagoge würde jetzt mit “Lernen fürs Leben” und “Allgemeinbildung” argumentieren. Ganz ehrlich: Wenn mich eine Schülerin auf dem Schulhof fragt, warum sie “dieses blöde Mathe” eigentlich lernen muss, was sage ich ihr dann? “Das lernst Du fürs Leben” oder “Weil Du es später brauchst”? Wenn ein junges Mädchen keine Lust auf Mathe und auch keinen Bezug dazu hat, warum muss sie es dann lernen? Die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Beruf wählt, in dem Mathe eine Rolle spielt, ist doch eh gleich null. Für die Grundrechenarten sind doch eigentlich die vier Jahre Grundschule ausreichend, oder? Wieso muss in unserer Gesellschaft eigentlich jeder alles können?

Der Traum jedes Lehrers (quasi der Idealzustand) wäre, wenn Schüler freiwillig und gerne lernen würden. In so einem Fall bräuchte man dann auch keine Schulnoten mehr – weder als Druckmittel, Motivation oder Abfrage des Lernerfolgs. Ein solches Lernen wäre natürlich auch nachhaltiger, denn Dinge, die man gerne lernt, vergisst man auch nicht mehr so schnell. Und wir Lehrer, Pädagogen und verantwortliche Politiker sind wirklich so naiv, zu glauben, dass man dies mit vorgekauten, aufgezwungenen Inhalten erreicht? Klar, man muss nur die richtigen Methoden anwenden, dann klappt das schon, hab ich recht?

Lange Rede, kurzer Sinn: Aus meinem Blickwinkel heraus kann Schule nur dann erfolgreich sein, wenn Schüler ihren eigenen Interessen nachgehen können. Darüber hinaus muss Schule viel praktischer werden und endlich weggehen vom antiquierten Klassenraum. Natürlich ist dafür ein gewisser Grund-Bildungsstand nötig. Aber spätestens ab Klasse 5-6 sollten Schüler Fächer und Themengebiete selbst wählen UND auch abwählen dürfen.

Ich weiß, dass meine Theorie hier auf wackeligen Beinen steht. Schließlich fehlt uns ja jetzt schon die Lehrer-Versorgung hier auf dem Land. Wie sollen wir als Schule alle Interessen der Schüler abdecken? Und was ist mit den “besonderen” Schülern in der Pubertät, die quasi auf gar nichts Bock haben und als Berufswunsch “Hartz 4” äußern? Ich kann hier natürlich nicht alle Fragen beantworten und ein fertiges, übergreifendes Konzept für eine bessere Schulform präsentieren. Mir ging es nur darum, Euch mal zu beschreiben, wie ich die Bildung aktuell sehe und was aus meiner Sicht die Probleme sind. Mich würde Eure Sicht der Dinge dazu interessieren!

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