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Ich weiß, dass viele von Euch sehnsüchtig auf die Fortsetzung meiner Opa-Geschichte warten und sich davon eine hochpolitische Geschichte, möglichst aus dem zweiten Weltkrieg, versprochen haben. Ich muss Euch leider enttäuschen, denn meine Geschichte ist weder politisch, noch handelt sie vom Krieg. Wenn Ihr Euch an den ersten Teil des Blogeintrags erinnert, ging es darum, dass ich einen Opa im Krieg verloren habe und mein anderer Opa vor fünf Jahren verstorben ist. Ich bin sozusagen Opa-los, daher möchte ich Euch von einem neuen Opa in meinem Leben erzählen:

Ich wohne jetzt seit fast einem Jahr hier in Scheeßel, genau zwischen Bremen und Hamburg. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich jeden Tag an einem Altersheim vorbei. Schon beim allerersten Mal, quasi zu meinem Vorstellungsgespräch, sah ich vor diesem Altersheim einen alten Mann stehen. Als ich ihn an meinem ersten Arbeitstag ebenfalls vor dem Altersheim stehen sah, fragte ich mich, was er denn dort wohl tun würde oder ob dies einfach nur ein Zufall war. Am zweiten Arbeitstag stand er wieder dort, diesmal wurde ich Zeuge, wie ein Auto mit überhöhter Geschwindigkeit an dem Heim vorbeiraste und der Opa wütend seinen Zeigefinger hob, um dem Fahrer damit deutlich machte, dass es ziemlich „böse“ sei, so schnell zu fahren.

Ich weiß, dass er der ein oder andere von Euch schon mal mit solchen „Aushilfsverkehrspolizisten“ konfrontiert wurde. Normalerweise sind das immer ziemliche Spinner, die einfach nichts Besseres zu tun haben und sich künstlich aufregen, weil man 2 km/h zu schnell fährt. Die „Extremsportler“ unter diesen Leuten stellen sich an die Straße und schreiben sich sogar die Nummern auf. Ganz ehrlich: Ich hasse solche Typen – ich denke jeder hasst sie!

Aber beim Opa am Altersheim ist irgendwas anders. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, aber bei ihm habe ich das Gefühl, dass er einfach eine Aufgabe braucht. Alte Menschen werden heutzutage von ihren Kindern in irgendwelchen Heimen weggesperrt und warten dort quasi nur noch auf ihren Tod. Im Grunde hat ihr Dasein absolut keine Bedeutung mehr.

„Mein“ Opa ist keiner dieser Klugscheisser oder Wichtigtuer. Er steht an jedem Morgen ab 7 Uhr vor seinem Heim und achtet darauf, dass kein Autofahrer die Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h überschreitet. Er steht dort unten bei jedem Wetter, sogar bei strömendem Regen sieht man ihn in seiner Regenkleidung an der Straße stehen und „seinen Job machen“. Anfangs habe ich es noch belächelt und den Kopf geschüttelt, wenn er einem weiteren „Geschwindigkeits-Rowdie“ den Zeigefinger „an den Kopf geworfen hat“, weil ich eben dachte, dass er nur ein weiterer Spinner sei, der irgendwie versucht, im Mittelpunkt zu stehen und sich wichtig zu machen. Aber irgendwann merkte ich, dass es hier anders ist. Ich fing an, über die Sache nachzudenken: Was wäre denn, wenn „mein“ Opa Rolf (ich gab ihm irgendwann diesen Namen) sein ganzes Leben lang um 7 Uhr aufgestanden und seiner Arbeit nachgegangen ist? Irgendwann ging er dann in Rente und verlor seiner Frau. Jetzt wohnt der Mann in diesem Altersheim und verbringt seine Tage mit Karten- und „Mensch, ärger Dich nicht“-spielen…

Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem ich nachvollziehen konnte, warum der Mann eine Aufgabe braucht. Alte Menschen haben keine Aufgaben mehr, die ihnen anvertraut werden. Wir reden hier nicht davon, dass Opa Rolf irgendwelchen Träumen nachjagt oder je nach Lust und Laune mal einen Tag Verkehrspolizist spielt. Der Mann ist jeden Tag, bei jedem Wetter unten vor der Tür und achtet auf den Verkehr.

An irgend einem Tag, ich weiß selbst nicht mehr wann genau, fing ich an, Respekt vor seiner unglaublichen Hartnäckigkeit oder besser Zuverlässigkeit zu entwickeln. Jeden Morgen, wenn ich an ihm vorbeifuhr, zauberte es ein Lächeln auf mein Gesicht, Opa Rolf  „bei der Arbeit“ zu sehen. Jedes Mal, wenn ich Zeuge wurde, wie er einen weiteren Raser mit dem Zeigefinger „abmahnte“, feierte ich in meinem Auto. Irgendwann fing ich an, ihm zu winken und respektvoll zuzunicken. Anfangs dachte er wohl, ich wolle mich über ihn lustig machen, wie es sicher der ein oder andere Autofahrer tut. Aber da ich auch sehr beharrlich sein kann und damit nicht aufhörte, erinnerte er sich wohl irgendwann an mein Gesicht und merkte, dass es mir ernst damit war – also nickte er zurück. Mittlerweile winkt mir „mein“ Opa Rolf sogar jeden Morgen – und ich bin stolz drauf!

Das Leben schreibt manchmal komische Geschichten. Ich habe noch nie mit dem Mann gesprochen und werde es wahrscheinlich auch niemals tun. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass uns irgendwas verbindet. Ich bilde mir ein, dass es Opa Rolf genauso sieht. Vielleicht ist er auch ein kleines bisschen stolz darauf, dass jemand seine Dienste zu schätzen weiß. Denn seien wir mal ehrlich, wer ist schon heutzutage noch bereit, alten Menschen irgendeine Form von Respekt für ihr Tun oder für etwas, das sie leisten, entgegenzubringen?

124 KOMMENTARE

  1. Also ich grüße alle älteren Leute auf der Straße immer freundlich, weil ich das Gefühl habe, das sie darauf wert legen und es eine nette ABwechslung zu den Stinkefingern und zurzeit auch Schneebällen die sie von den meisten Assis „ernten“.

  2. Natürlich haben alte Menschen heutzutage nichts mehr zu tun. Es ist nicht von der Natur vorgesehen, dass sie so lange leben. Normalerweise wären sie schon längst gefressen worden, weil sie mit der Herde nicht mehr mithalten können und ihnen sonst nur zur Last fallen.

  3. triff dich doch einfachmal mit ihm geh an nem sonntag nen kaffee mit ihm trinken besuch ihn zu weihnachten in dem heim. Es gibt viele gesten die man bringen kann, vor allem würde der man vielleicht auch gerne mal ne hilfe haben beim „winken“ 😛

  4. Alter Steve,
    Ich gebe dir natürlich Recht, was deine Meinung zu alten Menschen betrifft. Daher finde ich es auch sehr unverschämt, wie manche Jugendlichen oder deren ältere Generationen mit alten Menschen umgehen. Betrachtet man dies von einer anderen Perspektive, kenne ich auch viele ältere bzw. sehr alte Menschen, die mir sehr verbittert erscheinen. Die nur über die Jugend schimpfen >>Früher war alles besser – Das haben wir uns nicht erlaubt!!!<< Und teilweise haben sie sogar Recht, traurig aber wahr.
    Wenn ich heutzutage sehe, wie unsere Jugend vor die Hunde geht, da muss ich auf eigenartige Weise feststellen, dass es jedes Jahr schlimmer wird. Und ich meine da nicht die ganze Jugend. Ich zähle mich oftmals selber noch dazu, auch wenn ich gerade Lehramt studiere. Ich meine viel mehr diese "Pseudo – Möchtegern" Gangster, die meinen sie müssen mich im Zug anrempeln, weil sie cool sind und einen noch anpöbeln müssen. Die meisten haben noch nicht mal eine Frau nackt gesehen, geschweige denn mal ihre Pfeife nass gemacht. Ich zitiere dann gerne meinen Freund Jan der gestern Geburtstag hatte: ,, Einfach mal die Fresse halten!"

    Lange Rede kurzer Sinn. Meiner Meinung nach sollte man den Austausch unter den Generationen lernen. Wie schön es wäre solche Pseudo desozialisierten Jugendlichen mal mit Opas aus dem Zweiten Weltkrieg zusammenzubringen. Vielleicht lernt der eine vom anderen und der andere weis, dass er noch gebraucht wird.

  5. altenheime sind schrecklich. ich kann verstehen das der mann möglichst viel zeit außerhalb davon verbringen möchte. heutzutage ist es doch so, das alte menschen wirklich erst ins heim gehen, wenn es gar nicht mehr anders geht.Meine Oma war jetzt schon in 2 heimen und in beiden waren 90 % der alten dement. In den heimen herrschen zum teil katastrophale zustände. ich weiß nicht vielleicht haben einige euch ja mitbekommen, die im kölner umkreis leben, dass ein heim 2 wochen nach der öffnung wieder geschlossen wurde, da die alten ihre (lebenswichtige) medizin nicht bekommen haben. Meine Oma war in dem heim. erst sah es eigentlich ganz gut aus weil das gebäude war wie gesagt neu und „hatte stil“…wir waren schon froh,noch so etwas gutes gefunden zu haben. 2 wochen später dann wurden wir um kurz nach 8 uhr abends letzten freitag angerufen, dass das heim sofort geschlossen wird und das die insassen nochnicht mal mehr dort übernachten dürfen. Als wir geschockt dort ankamen um meine oma abzuholen, standen schon einige kranken wagen da, polizei und leute von der presse. zu dem zeitpunkt hatte man uns noch nicht mal gesagt, warum es denn jetzt geschlossen werden muss…naja am nächsten tag konnten wir dann wieder die möbel wegräumen

    was ich eigentlich damit sagen will: alte menschen werden in unserer gesellschaft nicht ernst genommen und „vegetieren“ in den heimen nur noch vor sich hin bis sie sterben

  6. genau DAS ist die lösung bzw zumindest eine abhilfe zum problem mit den arbeitslosen. nein wirklich, super idee. ich bin ehrlich gesagt auch dafür das solche „ferienjobs“ wie man sie als jugendlicher machen kann auch an langzeitarbeitslose vergeben werden. ich mein als jugendlicher wohnt man eh zuhause und kriegt alles von mama und papa was man braucht (will) . aber auch für die rentner geschichte ne echt gute lösung. natürlich aber nicht so nach dem motto „mach jetzt dies oder das oder wir kürzen deine rente“ sondern ehr „wenn du willst mach dies oder das und wir erhöhen deine rente“ .

  7. Ist es aber nicht schwierig sich um seine (Groß)eltern zu pflegen?
    Ich kenn es aus der eigenen Familie und das Problem ist einfach,
    dass du deinen Job nicht einfach aufgeben kannst denn egal wie moralisch es wäre deine Eltern selber zu pflegen kann man es sich einfach finaziel nicht erlauben kein Gehalt zu haben,
    dazu kommt dass selbst wenn du es finanziel tragen könntest, wie sieht es später mit einem Widereinstieg in die Arbeitswelt aus?
    All diese Faktoren sollte man auch mal bedenken.

    n3traphim

  8. Was macht ihr dann hier?
    Ich finde absolut jeden Eintrag lesenswert, Ist halt hauptsächlich ein Blog über Gaming und Sport (Fussball, Wrestling) weil das nunmal Steves Hobbys sind.

  9. Das Problem ist doch aus das Altersheim,….man schiebt seien Großeltern/Eltern wen auch immer da ab.
    Ist das gerecht?
    Sollte man sich als Sohn/Enkel nicht um sie kümmern, wie sie sich um einen selbst gekümmert haben?

    Altersheim ist nur dann verwantwortlich wenn die betreffende person das auch so will..aber sonst ist das einfach nur mies..meiner meinung nach

    r3d

  10. vorallem jedes problem omg wenn ich das schon höhre
    rente ab 80 verhindert also den welthunger? bekämpft atomwaffen? senkt die arbeitslosigkeit? hindert tierarten am aussterben?
    ich glaube ja kaum also nachdenken vorm posten wär schon nicht schlecht

  11. In Japan ist es schon seit jahren so, dass quasi alle alten Menschen freiwillig weiter arbeiten, um ein teil der Gesellschaft zu bleiben. Meistens haben die ihr ganzes Leben in einer Firma gearbeitet und fühlen sich als Rentner daheim nutzlos und unwürdig zu leben. Deshalb nehmen diese alten Menschen dann kleine Arbeiten an wie Straße kehren, Blumen schneiden oder ähnliches. Oft sind es auch wirklich „nutzlose“ Arbeiten wie an Ampeln stehen und die Autofahrer darauf aufmerksam machen, dass sie weiter fahren können. Verdient wird dadurch natürlich nicht viel. Nur ein kleines gehalt, dass den menschen aber das gefühl gibt, noch etwas wert zu sein…. Sowas könnte man bei uns einführen. Gerne auch für Langzeitarbeitslose…

  12. schöner Blogeintrag, sowas kannte ich auch.. leider ist die person bei mir nach einem monat nichtmehr dagewesen und als ich nachfragte sagten sie, sie sei leider verstorben, trotzdem macht mich die Geschichte glücklich 😉
    weiter so!
    MfG
    Dragon246

  13. Ich bin mir sicher, dass das kein Vorwurf an die Altenpfleger war, dass viele berufstätige Menschen keine Zeit mehr dazu haben sich um ihre Eltern bzw. älteren Verwandten zu kümmern stimmt wohl, vor allem wegen Demenz und dergleichen. Die Mutter meines Onkels war auch dement, war bis kurz vor ihrem Tod nicht im Heim und eine unheimlich große Belastung für die Familie ihres Sohnes. Ich sehe den Fehler eigentlich bei den Betreibern der Altenheime, bzw. dass vom Staat nicht genug Geld locker gemacht wird. Letzendlich liegt das Problem unserer Zeit nur in der Verteilung. Mit den technologischen Mitteln unserer Zeit würde es wahrscheinlich reichen, dass ein Zehntel der Menschen arbeitet und alle versorgt wären. Zur heutigen Zeit, wo das demographische Problem noch kein wirkliches ist wäre es doch auch viel sinnvoller mehr Menschen weniger arbeiten zu lassen, zumindest bei Jobs für die man keine hohe Qualifikation braucht. Dies geschieht doch nur wegen des Proftgedankens nicht.
    Früher war Egoismus notwendig, da es schlichtweg nicht genug für alle gab, mit den Technologie, könnte man allerdings allen Menschen der Welt eine Grundversorgung garantieren. Und das OHNE dabei auf sämtlichen Luxus verzichten zu müssen. Ich hoffe, dass wir diesen angewöhnten Egoismus (ich glaube nicht, dass er grundsätzlich im Menschen verankert ist) irgendwann abschütteln können. Öhm… bisschen abgeschweift.
    Naja wie gesagt, ich glaube nicht, dass das ein Vorwurf an die Pfleger war, die reißen sich nämlich größtenteils für nen Spottlohn und quasi 0 gesellschaftliche Anerkennung den Arsch auf.

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