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Wie an jedem Freitag Morgen klingelt mein Wecker um kurz nach sechs und reißt mich aus einem tiefen und zufriedenen Schlaf. Im Prinzip ist es wie immer: Ich mache den Wecker aus, richte mich auf und denke ernsthaft darüber nach, krank zu sein. Früher hat das mit dem selbst-belügen irgendwie besser geklappt. „Ich kann mich einfach nicht mehr selbst verarschen“, denke ich und stehe auf. Ebenfalls wie immer, blockiert die Frau das Bad. Ich höre sie in der Badewanne vor sich hinschnarchen, spreche einige leise Flüche vor mich und gebe mich mit dem Gäste-WC zufrieden. Anschließend erwische ich mich dabei, dass ich massiv trödele, was meiner persönlichen Analyse nach daran liegt, dass ich gerade aus dem Fenster geschaut habe. Es hat in der Nacht mal wieder geschneit und nach meiner Schätzung sind es aktuell minus 20 Grad draußen. Bin ich noch im Halbschlaf, oder lese ich da in Tiffanys Handschrift „Krömer, Dich krieg ich noch“ in den Schnee geschrieben?

Ich packe mich warm ein, ziehe mir meine dicken Winter-Boots an und eile zu meinem Auto. Dabei fällt mir mal wieder auf, dass die Gehwege aller anderen Reihenhäuser in unserer Straße bereits freigeschaufelt sind – und das um kurz nach sieben. Ich startet meinen geliebten 3er BMW und freue mich, dass er ohne Probleme anspringt. Ein Großteil meiner Kollegen kam gestern zu spät zum Unterricht, da ihre Autos erst nach kurzer Aufwärmphase ansprangen. Amateure, tse!

Ich fahre gemütlich auf der B75, unserer schönen Landstraße, in Richtung Arbeit. Dabei singe ich, wie jeden Morgen, laut die Lieder meines Lieblings-Radiosenders Radio Bremen 4 mit. Ich überhole nervige Omas, die ziemlich offensichtlich vom Land Niedersachsen als zusätzliche Verkehrshindernisse engagiert wurden – ich meine, wohin sollen die denn sonst morgens um sieben mit 30 Km/h unterwegs sein. Gerade als ich das Altersheim an der Landstraße erreiche und mich nach Opa Rolf umschauen will, fangen plötzlich alle Warnlichter in meinem Auto an zu blinken. Mein erster Gedanke ist: „Geil, Space-Invaders“. Leider scheint mein Auto das Spiel nicht so toll zu finden und geht einfach mal während der Fahrt komplett aus. Gerade so lenke ich die Kiste mit dem letzten bisschen Schwung auf den Geh-/Fahrradweg. In den paar Sekunden vor meinem innerlichen Zusammenbruch, klopfe ich mir selbst auf die Schulter, da ich das Auto trotz des Verlustes der Servolenkung und jeglicher technischer Hilfsmittel brillant auf den Gehweg geparkt habe, und das ohne dabei dem Straßengraben zu nah gekommen zu sein.

In den kommenden zwei Minuten durchlaufe ich folgende Phasen: Hoffnung (ich drehe den Schlüssel wie geisteskrank immer wieder und versuche, die olle Kiste wieder zum Laufen zu bekommen); Panik (ich halte mir die Ohren zu und schreie lauthals); Pflichtbewusstsein (ich rufe in der Schule an und berichte, dass ich nicht pünktlich kommen werde); Verzweiflung (ich beschimpfe wüst und lauthals mein Auto und verfalle nebenbei in leichte Weinkrämpfe); Verdrängung (ich rufe meine Freundin an und will mir ihr übers Abendessen reden – sie legt einfach auf!); Kampfgeist (ich verlasse meine Auto und latsche los).

Der perfekte Start in den Tag: Ich stapfe morgens um halb acht bei Rekordkälte durch den Schnee – unnötig zu erwähnen, dass erneut ein starker Schneefall eingesetzt hat. Glücklicherweise habe ich mich warm angezogen. Ich latsche am Altersheim vorbei, drücke kurz meine Nase an die Scheibe und schaue Opa Rolf sehnsüchtig beim Frühstück zu. Anschließend laufe ich weiter und komme ca. zwanzig Minuten später völlig durchgefroren bei der örtlichen Werkstatt an. Der Vorteil, wenn man auf dem Land wohnt, ist eindeutig der wesentlich nettere Umgang miteinander. Der Chef der Werkstadt hört sich meine Geschichte an, unterstützt meinen Frust mit einigen „Oooohs“ und „neeeeees“ und verspricht mir schließlich, meine Kiste umgehend abzuschleppen. Er bringt mich sogar zur Schule, wo mich meine besorgten Kollege unter Tränen willkommen heißen. Sie haben mir tatsächlich einen Tee zubereitet, und die geile neue, blonde Referendarin wartet mit einer Decke auf mich…

Wen verarsche ich hier eigentlich? Es wartet niemand auf mich, und als ich meinen Kollegen von dem Vorfall berichte, lachen sie mich aus: „Haha Krömer, das haste jetzt davon, dass Du Dich immer über unsere Autos lustig machst“, grölt mir Christian entgegen. Irgendwie hat er Recht, das geht so nicht. MEIN Auto darf nicht versagen. MEIN Auto muss so sein wie ich – stark, zuverlässig und immer vorne. Und all diese Attribute passen nicht mehr zu meinem alten BMW. Die verdammte Kiste war in diesem Jahr mehr in der Werkstatt, als unter meinem Hintern. Ich hab die Schnauze voll, ich kauf mir ein neues Auto.

Aber ich habe schon eine gute Inschrift für seinen Grabstein: „Nachdem mein alter, treuer BMW an diesem Freitag-Morgen ein weiteres Mal versagt hat, wird es wohl Zeit, die große Tafel mit seiner Nummer hochzuhalten und ihn vom Spielfeld zu nehmen. Kopf hoch Junge, irgendwann muss jeder mal gehen!“

Mehr kann ich nicht mehr für ihn tun!

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37 KOMMENTARE

  1. „Dabei singe ich, wie jeden Morgen, laut die Lieder meines Lieblings-Radiosenders Radio Bremen 4 mit.“
    Bei dieser stelle habe ich mir vorgestellt wie du 500miles von the proclaimers mitsingst 😀
    (Das gleiche Lied welches marshall und ted immer im auto bei HIMYM singen)

  2. ja, und die decke war auch nur eine metapher dafür, dass sie ihren heißen, nackten körper an dich gedrückt hat! immerhin kannst du noch träumen! 🙂

  3. das ultimative auto wäre natürlich ein Ford Mustang :p aber Steve wenn du dir schon ein neues Auto kaufst überleg dir mal ob da nicht gasantrieb drinnen sein sollte. In Relation zu deiner Kilometeranzahl im Jahr. Der Vater von nem Kollegen hat des gemacht und nach 6 Monaten hatte sich die umstellung auf Gas rentiert.

  4. Großartiger Beitrag. Da ich zur Zeit im Krankenhaus liege und eher wenig zu lachen habe konntest du mir damit deutlich den Tag versüßen :). Danke.

  5. tja das kommt davon wenn man sich nen deutsches auto kauft 😛

    mein erster war nen nissan, der circa 24 jahre alt war und der lief bis ich mir nen neuen geholt hatte immer noch einwandfrei. bei der kiste ist in all den jahren nur einmal die kupplung gerissen, ansonsten keine probleme.

    der astra den ich jetzt hab ist mir schon 3 mal verreckt. einmal die batterie im arsch, einmal die pumpe im arsch, einmal vorne rechts die feder gebrochen. scheiss neumodische autos die aussehen wie rasierapparate…

      • Wieso muss es unbedingt ein BMW sein? Ich könnte exzellent in Sachen Audi bei Neu- und Jahreswagen weiterhelfen, evtl. auch werksnahe andere Marken (kommt da allerdings auf das Modell an).

        Dann musst du dich nicht mit irgendwelchen 10-15% Rabatten „abspeisen“ lassen *g*

      • Hab da auch nen recht guten Kontakt hin. Nur sitzt die Dame (ja ganz recht, eine Frau) nicht bei Bremen, sondern in Eutin.

        In was für ne Richtung soll es denn gehen? Wieder 3er BMW oder was kleineres/größeres?
        Gebraucht/Neu?
        Was stellst du so für Ansprüche an Motor und Austattung?

  6. Wurd heute morgen auch von meinem nachbar geweckt damit irgendeiner unseren Teil des Gehwegs frei schaufelt.Wenn man dann raus kommt und merkt das das Arschloch von Nachbar den meisten Schnee einfach auf den Teil Gehweg vor unserem Haus geworfen hat, versaut einen das nochmehr den Morgen.

  7. Das hat mein Auto auch immer gemacht, einfach während der Fahrt aufgehörtzu zünden. Kleiner TIpp fürs nächste Mal: wenn man das Getriebe eingekuppelt lässt, funktioniert die Servolenkung weiter 😉

  8. was das auto angeht, hast du mein größtes beileid. ich bastel aktuell daran, meine wegfahrsperre auszubauen.
    zur erkärung: NEIN, ich bin nicht dumm, verrückt oder ähnliches.
    Es handelt sich um eine nachträglich eingebaute bei einem 95er honda.
    Eine wegfahrsperre, bei der man sonen pommes-stift in ne kleine buchse packen muss, die schaltet dann das auto frei.
    leider…
    gehen die kontakte in der buchse kaputt und z.Z. gehts nur noch weil ich (elektriker) einfach kupferabfall reingelegt habe und damit die kontakt ersetze..

    und würde ich damit in die werkstatt fahren.. würden die nur wieder lachen. ich war in den letzten 2 monaten 3mal da -.-

  9. Und jetzt kaufst du dir, von dem Geld was du durch uns verdient hast, einen dicken Mercedes, jaja. *lach*

    Geiler Leuchtturm, auch wenn es dich hart getroffen hat. Schönes Wochenende!

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