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Ich weiß, was Ihr jetzt sagen werdet: „Was heulst Du denn hier rum? Was ist mit den Menschen, die jetzt ihren Job verlieren oder in die Zeitarbeit rutschen?“. Und Ihr habt damit absolut recht. Dies soll auch kein „ich armer Lehrer“-Blogeintrag werden…

Die letzte Woche und die Schließung aller Schule wegen des Corona-Virus hat uns in Sachen Bildung zurück in die Steinzeit befördert. Richtiger Unterricht ist über das Netz aktuell nicht möglich – und das aus unterschiedlichsten Gründen. Unsere Arbeit besteht aktuell darin, unser Schüler mit Arbeitsblättern und Aufgaben zu versorgen. Eine andere Möglichkeit haben wir aktuell leider nicht. Und damit wird auf erschreckende Weise deutlich, wie sehr die Politik, die entsprechenden Behörden und Entscheidungsträger in den letzten Jahren in Sachen Digitalisierung gepennt haben. Statt das Thema immer wieder vor sich hinzuschieben und sich gegenseitig mit „das ist Neuland“ zufrieden zu sprechen, hätte hier schon viel eher was passieren müssen. Aber was will man von einem bildungsprüden Land wie Deutschland erwarten, in dem das Fach Informatik nur sporadisch unterricht wird und welches seit über zehn Jahren das von mir geforderte Fach Medienkunde nur müde belächelt. Jetzt haben wir den Salat.

An meiner neuen Schule reißen sich aktuell die Kollegen „den Arsch auf“, um irgendwelche Lösungen zu finden, die Schüler in den nächsten Wochen und Monaten doch über das Netz irgendwie angemessen unterrichten zu können. Und bei jeder neuen und interessanten (Video)Konferenz-Software fliegt uns die DSGVO um die Ohren: „Dürfen wir nicht benutzen. Landesschulbehörde sagt, die Software sei nicht DSGVO-konform.“

Ja Leute, was wollt Ihr denn bitte? Dass Eure Kinder weiterhin nur mit Arbeitsblättern versorgt werden oder halbwegs vernünftigen Unterricht? Dass Datenschutz wichtig ist, bestreitet absolut niemand. Aber in Krisenzeiten an einem völlig überzogenen und für uns Lehrer super nervigem Gesetz festhalten, ist vielleicht gerade nicht die beste Lösung.

Der letzte Stand ist hier übrigens, dass die Telekom eine Software für diesen Zweck zur Verfügung stellt, die scheinbar benutzt werden darf: Konferenz-Flat 50 für Schulen (Telefon- und Webkonferenzen für Schulen und Lehrer). Vielleicht als Tipp für die Kollegen da draußen. Aber auf jeden Fall ist dieser Bereich dringend auszubauen und der aktuellen Situation anzupassen, liebe Politiker und Entscheidungsträger.

Was mich in diesen Tagen aber am meisten triggert, sind solche Kommentare von der Besserwisser-Lehrer-Fraktion…

Ja, Methodenvielfalt, Differenzierung und Chancengleichheit sind in der Bildungs-„Steinzeit“ aktuell total wichtig. Himmel! Ich würde sonstwas dafür geben, wenn ich Software wie Zoom überhaupt verwenden dürfte, um meine Schüler zu unterrichten und die SJW-Lehrer-Fraktion kommt mal wieder mit so einem realtitätsfremden Bullshit um die Ecke. Diskutiert Ihr mal schön auf Twitter weiter und verbreitet Eure „differenzierten“ Meinungen zur Bildung. Wir „richtigen“ Lehrer krempeln in der Zeit unsere Ärmel hoch und versuchen, Lösungen zu finden, um unsere Schüler überhaupt mal wieder unterrichten zu können…



29 KOMMENTARE

  1. Schau für mal Big Blue Button an.
    Diese Video Unterrichtssoftware ist Open Source was bedeutet das die Schule den Server selber betreiben kann was die größten Datenschutzbedenken beheben sollte.

  2. Hallo Steve,

    kannst du mir genau sagen, was euch an Zoom in Punkto DSGVO nicht passt (gerne per Mail)? In Bundesländern wie NRW, B-W und anderen wird es sogar offiziell von den Kultusministerien empfohlen.

    Ich kenne darüberhinaus diverse Schulen in NDS, welche es offiziell nutzen nach Rücksprache mit der Landesdatenschutz- sowie Landesschulbehörde und Anwalt.

    Anbei z.B. der Beitrag aus NRW (letzte Seite, ganz unten): https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Recht/Schulgesundheitsrecht/Infektionsschutz/300-Coronavirus/Fachliche_Unterstuetzungsangebote.pdf

    Viele Grüße

      • Die Antwort hatten wir zunächst auch. Bohrt bei den Behörden nach. Fragt, welche Paragraphen der DSGVO genau gegen Zoom sprechen. Verweist auf die Nutzung in den anderen Bundesländern.

        Meist sagen die Ministerien dazu nur nein, weil sie selbst so unsicher in Bezug auf den Datenschutz sind. Dies ist zumindest meine Erfahrung. Lange genug nerven und nach Belegen fragen 🤷🏻‍♂️

  3. Steve lass dir von Edur Rocket.Chat aufsetzen und gleich mit self-hosted Jitsi für Video/Voice/Desktop-Streaming-Konferenzen. DSGVO ist damit vom Tisch, da du die Datenhoheit hast und sie löschen kannst.

  4. Klingt jetzt provokant, aber könntest du nicht mal auf dem Dienstweg nach oben geben, dass wir uns in einer Ausnahmesituation befinden und deshalb komplett und gepflegt auf die DSGVO scheißén sollten?

    Mein Punkt ist der: Momentan werden massiv Grundrechte eingeschränkt (Bewegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Arbeitsfreiheit, bis hin zur Religionsfreiheit), und im Hinblick auf das größere Wohl habe ich damit auch keine grundsätzlichen Probleme. Es kann doch wohl nicht sein, dass angesichts dessen so ein Bürokratiekackhaufen wie die DSGVO absolut sakrosankt ist und im Gegensatz zu unseren Grundrechten keinesfalls angetastet werden darf.

    Werden da nicht ein wenig die falschen Prioritäten gesetzt?

    Würde ich sicher sein, dass du mich nicht an dem folgenden Satz aufhängst, würde ich sagen: „Pfeif auf die DSGVO, zieh dein Ding mit deinen Schülern durch, whatever it takes, und in dem anschließenden Disziplinarverfahren verteidige ich dich, und zusammen mit dankbaren Schülern verwandeln wir den Sitzungssaal in die Hölle für die Schulleitung und das Kultusministerium, und zwar durch alle Instanzen!“

      • Verstehe ich jetzt nicht, oder glaubst du, politische Differenzen würden mich bei der Arbeit interessieren? Na gut, vielleicht wenn Feder ein AfD-Büro angezündet hätte, aber sonst …?!

        • Dann hätte auch Feder ein Anrecht auf einen fairen Prozess und anwaltlichen Beistand. Würde mich wundern wenn du/deine Kanzlei da ein Problem hätten.

          • Vorweg: Ich erwähne im folgenden bewusst nicht mehr Feder, da ich nur allgemeine Aussagen treffe und ihm keinesfalls irgendwas unterstellen möchte; das oben war nur ein augenzwinkernder Seitenhieb.

            Selbstverständlich hat jedermann das Recht auf einen fairen Prozess. Aber ich muss ein Mandat auch mit meinem Gewissen vereinbaren können. Bei terroristischen Straftaten – und das wäre das Beispiel ja – hätte ich ein Problem, jemanden zu verteidigen, der unsere Demokratie derart verachtet. Da mache ich auch keinen Unterschied zwischen links und rechts; ich hätte eine Ulrike Meinhoff ebenso wenig verteidigen wollen wie eine Beate Zschäpe. Allerdings kritisiere ich keinen Kollegen dafür, dass er es doch tut. Hier gehts nur um meine persönlichen Befindlichkeiten.

  5. Naja, wir müssen ja jetzt auch am Wochenende und Osterferien in die Schule – zumindest in NRW.
    Da brauchen wir Digitalisierung ja gar nicht ….

  6. Ich nehme gerade selber Lernvideos mit Explain Everything auf dem IPad auf und verteile diese via Cloud an meine Matheklassen. Feedback ist doch sehr positiv. Dazu stehe ich via zoom.us in bestimmten Zeiträumen für die Schüler für Fragen zum Stoff zur Verfügung. So geht es zumindest etwas voran.

      • welche personenbezogene daten werden denn bei zoom gespeichert? und kann man das nicht ohne diese machen? noch ein hinweis zu DSGVO: selbst wenn ihr diese jetzt verletzen würdet, ist die schule nicht haftbar bzw verklagbar, da sie nichts erwirtschaftet. es würde nur einmal mecker geben, falls sich überhaupt jemand beschweren würde.

        ich hab eine 1. klasse an einer brennpunkt schule. habe gestern alle eltern durchtelefoniert. 1/3 der eltern kann kein deutsch, viele (gerade syrische famiien) haben nur mobiles internet. einige haben nicht mal eine email adresse. ich zerbreche mir auch den kopf wie ich chancengleich alle ereichen kann…
        neue inhalte kann ich, sollte die situation viel länger anhalten, nicht vermitteln. die hälfte der klasse könnte damit nicht arbeiten. so bleibt mir nur wiederholung und vermutlich muss ich sie analog in die briefkasten verteilen.

        • Es geht nicht in erster Linie darum, ob die Schule für irgendwas haftbar wäre, sondern darum, dass irgendwelche Erbsenzähler im Ministerium Steve ne Diszi verpassen würden, wenn er was tut, was nicht 100%ig den Vorgaben entspricht, egal wie schwachsinnig sie allgemein oder in der konkreten Situation sind.

  7. Könnte man nicht Microsoft Teams verwenden? Funktioniert sogar in Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und die haben von Hause aus extrem starke Restriktionen.

    Aber vielleicht ist das auch mal wieder eine starke Erkenntnis für den Rest, dass es weggehen soll von dem klassischen Frontalunterricht. Lerntheken sind z. B. super Methoden.

    Viel Erfolg Steve, beim Kampf gegen Windmühlen.

    • Juckt nicht. Die können da mit 20x so sensiblen Daten hantieren, wird für die Schule nicht zugelassen. Die lehnen alles wegen der DSVGO ab.

      Zum Thema: Denke der Herr übertreibt. Klar Chancengleichheit ist imo sehr wichtig. Aber man kann auch auf Arbeitsblättern differenzieren, wär mir auch neu das alles auf ein Arbeitsblatt passen muss. Das alles andere was man sonst so machen würde und könnte grad schlecht geht sollte ihm doch wohl klar sein und Arbeitsblatt unterricht irgendwie aussreichen muss.

    • Wir benutzen aktuell Microsoft Teams aber viel mehr als Steve oben beschrieben hat ist da auch nicht drin, zumindest haben wir den Eindruck.

      Chat mit den Schülern, Arbeitsblätter reinstellen, Kalender nutzen um Abgabetermine festzulegen, Kursnotizbuch. Die Klasse organisiert sich ansonsten in Lerngruppen übers Discord.

      Richtige Konferenzen mit der gesamten Klasse sind da bei uns allein schon aus Hardwaregründen schwierig. Die wenigsten unserer Schüler haben ordentliche Mikrofone, stabile Rechner, geschweige den Webcams für den Musikunterricht. Da sind kleinere Gruppen von 2-3 Leuten die sich im Discord bei den Aufgaben helfen noch das sinnvollste das wir aktuell umsetzen können.

      Ich hab mich mit Ende 20 vor ein paar Monaten nochmal entschieden Klavierunterricht zu nehmen und werde diesen wenn überhaupt ebenfalls nur noch online in Anspruch nehmen können.

      Falls jemand selbst schon Erfahrungen damit hat, würde ich mich über Hardware-Empfehlungen sehr freuen, damit das Ganze die nächsten Wochen/ Monate halbwegs vernünftig vonstattengehen kann.

      Liebe Grüße

      • Meine Mutter (64) hat mit meiner Hilfe ihren Unterricht auf Skype umgestellt.
        Hab ihr gerade geholfen, ein Übertragungsproblem zu einer Schülerin zu beheben, indem verschiedene Endgeräte in Kombination getestet wurden ( iPad, iPhone, Android Tablet und Smartphone).
        Sie hört die Musik gut genug, kann den Schülern wegen der Kamera auch Tipps geben zu Griffen und eben auch den Fingersatz einigermaßen gut sehen.
        Sa hat bisher auch niemand von den Eltern sich wegen DSGVO beschwert, fanden im Gegenteil alle eine tolle Idee.
        Das sollte auch mit einem Laptop/MacBook auf einer Seite oder bei beiden funktionieren. Einfach mal vorschlagen und antreten.

  8. Wäre BigBlueButton vielleicht eine Idee? Das ist Self-Hosted also sollten die DSGVO solange der Server in DE steht (vielleicht ja noch besser direkt in der Schule?) kein Problem sein.

    • Wow – bin kein Lehrer und kannte ich noch nicht. Das sieht sehr spannend und im Self-Hosting gut machbar aus. Auch für „normale“ Konfis bedanke ich mich für den Tipp!!

      @Steve: Ich bin kein Lehrer aber der Herr Sparwald triggert mich auch 😀

      Bleib gesund!

      • Wir nutzen das im Betrieb zusammen mit Mattermost (eine Self-Hosted Slack alternative) und es funktioniert echt gut. Leider läuft BBB momentan nur auf Ubuntu 16.04 :/

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