Spielen, Spielen, Spielen

Gestern Abend war es mal wieder soweit: Die ARD zeigte die Dokumentation “Spielen, spielen, spielen… Wenn der Computer süchtig macht”. Gestrickt war die Doku mal wieder in gewohnter Art und Weise: Es werden Extrembeispiele herausgesucht, alles wird aus dem Zusammenhang gerissen und als Standard dargestellt. Darüber hinaus wird schlecht recherchiert, es kommt immer wieder zu inhaltlichen Fehlern, die uns Insidern natürlich sofort auffallen: Da wird ein Battleground schnell mal zu einem Raid.

Marc-Oliver und seine Mutter sind ja keine Unbekannten. Man kennt das Duo bereits aus einer anderen Doku, bzw. einem kurzen Bericht. Im Grunde hat sich nichts geändert: Die Mama jammert immer noch vor der Kamera über die bösen Computerspiele, die ihren Sohn dahin gebracht haben, wo er jetzt ist. Was mich bei dieser Art der Darstellung extrem stört, ist die Tatsache, dass sich die Eltern immer komplett aus der Verantwortung nehmen und die Schuld allein dem Rechner und den Spielen zuschieben – die bösen Computerspiel-Entwickler sind schließlich Schuld. Es liegt nicht daran, dass ich als Elternteil völlig versagt habe, nein, die Spielefirmen sollen einfach alle Computerspiele sofort vom Markt nehmen.

Hier sind wir wieder an einem Punkt angekommen, den ich schon seit eh und je kritisiere: Wenn man es als Elternteil so weit kommen lässt, kann man sich einfach nicht hinstellen und den Spielen dafür die Schuld geben. Das ist so, als würde ich mein Kind jeden Tag zwölf Stunden vor den Fernseher setzen und mich dann beschweren, dass die Serien mein Kind zu sehr in seinen Bann ziehen und er/sie immer weiter schauen will. Tut mir leid, dass ich es so drastisch formuliere, aber in meinen Augen hat die Mutter einfach komplett versagt. Eltern haben in der Entwicklungsphase ihrer Kinder eine große Verantwortung – man kann sein Kind nicht vor den Rechner setzen und hoffen, dass es sich selbst reglementiert.

Meine Schwester, die ebenfalls junge Mutter ist, macht es so, dass mein Neffe pro Tag eine bestimmte Anzahl von “Medienstunden” zur Verfügung hat – das schließt die Konsole, den Rechner und den Fernseher mit ein. Hat er seine Medienstunden aufgebraucht, darf er weder TV-Schauen noch irgendwas zocken.

Darüber hinaus sah in der Doku gestern Abend auch vieles ziemlich gestellt aus. An dieser Stelle zwei Beispiele:

– Seit wann braucht man zum WoW-Spielen die Software-CDs? Man installiert das Spiel einmal und dann braucht man sie nie wieder. Selbst wenn das Spiel aus irgendwelchen Gründen nicht mehr läuft, kann man die Software problemlos aus dem Netz von der Blizzard-Homepage saugen.

– Dass Marc-Oliver am Wurststand angeblich darüber nachdenkt, wie er am nächsten Abend WoW spielen will, ist ebenso absurd. Er würde sich Gedanken machen, wie er am nächsten Tag leveln würde, achso – für jeden WoW-Spieler wird, anhand der Bilder, sofort deutlich, dass sein Char bereits das Maxlevel erreicht hat. Natürlich kommt es vor, dass man sich als WoW-Spieler auch mal in seiner Freizeit Gedanken über das Spiel macht (Taktiken eines Encounters vor dem Raid), aber wir denken sicherlich nicht 24 Stunden an das Spiel und schon gar nicht über so einen banalen Mist nach. Ist in meinen Augen sehr weit hergeholt, und dient ausschließlich dem Zweck, die “allgegenwärtige Sucht” darzustellen.

Versteht mich nicht falsch, man kann WoW und Computerspielen ein gewisses Suchtpotential nicht absprechen. Nur wird in dieser Art der Dokus niemals wirklich neutral über das Thema berichtet. Nie werden die vielen positiven Aspekte dargestellt. Es wird niemals jemand gezeigt, der intensiv WoW spielt, aber trotzdem auch im realen Leben ein führender Kopf ist. Es geht immer und ausschließlich um Panikmache. Hierbei wird suggeriert, dass Computerspiele das Heroin des 21sten Jahrhunderts sind, und das ist einfach ein Witz. Computerspiele sind die virtuellen Spielplätze unserer Zeit, verlockend keine Frage, aber trotzdem nur ein Hobby, wie jedes andere auch. Gebt mir ein Budget, gebt mir ein Kamera-Team und die Möglichkeit – dann produziere ich Euch eine wirklich authentische Doku und mit all seinen positiven und negativen Aspekten. Aber wozu eigentlich, realistische Zustände will ja keiner sehen, Panikmache verkauft sich einfach besser…

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