Flame-Kultur der Gamingszene

Wenn die Gamingszene für eine Sache bekannt ist, dann wohl für schlechte Rechtschreibung und einen äußerst rauen Umgangston. Das erschreckende, besonders für Außenstehende, ist hierbei immer wieder das geistige Niveau und die Form, mit der Kritik und/oder Argumente (falls man es überhaupt so nennen kann) vorgebracht werden. Wenn ich jemandem in meinem Freundeskreis, der nicht Teil der Szene oder des Online-Gamings ist, mit Diskussionen, Threads oder Comments konfrontiere, beispielsweise einem Lehrer-Kollegen, schlägt der die Hände über dem Kopf zusammen. Ihr werdet sicherlich genau wissen, was ich meine.

Natürlich ist einer der Hauptgründe hierfür, dass die Gaming-Szene aus Individuen besteht, die größtenteils im Altersbereich von 14-19 Jahren liegt. Trotzdem denke ich, dass diese Form der “eigenen Umgangssprache” keine gute Werbung für uns alle und unser Hobby darstellt. Pädagogen weisen immer wieder darauf hin, dass wir Gamer sowas wie eine eigene Sprache entwickelt hätten – Stichwort “geowned”. Ich persönlich hege eine große Abneigung gegen die Gamer-Ausdrucksweise. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich Jugendlichen dabei zusehen muss, dass sie “Wörter”, wie “loooool” oder “OMFG” als Satzzeichen einsetzen und damit ihre Sätze (in Kleinschreibung) verbinden. Ich denke ganz ehrlich gesagt, dass dies auch einer der Gründe ist, warum unser Hobby einen so schlechten Ruf genießt. Jeder Deutschlehrer muss doch den Glauben an seinen Beruf verlieren, wenn er sich mal den Handelschannel auf einem WoW-Server anschaut.

Ich kritisiere aber nicht nur die Form, in der sich ein Großteil der Gaming-Szene ausdrückt, sondern auch die Art und Weise. Die Gamer an sich sind nicht in der Lage, eine Diskussion zu führen, ohne sich dabei persönlich anzugreifen oder zu beleidigen. Schaut Euch zum Beispiel mal einen Großteil der öffentlichen WoW-Foren an. Im offiziellen Forum zum Beispiel ist es nicht mehr möglich, einen Thread zu eröffnen, ohne dafür beleidigt zu werden. Ihr werdet das alle kennen: Person XY hört mit WoW auf und möchte sich von der Community seines Servers nett verabschieden. Er eröffnet dazu einen Thread im offiziellen Realmforum des Servers. Der zweite, spätestens der dritte Post im besagten Thread enthält ein “Verpiss Dich, ich konnte Dich eh nie leiden, Spast”. Und dieser Umgangston ist allgegenwärtig und keineswegs von mir übertrieben.

Ich persönlich staune immer wieder, was die Anonymität des Internets aus teilweise vernünftigen Leuten macht (mich eingeschlossen). Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich im Netz teilweise ziemlich daneben benehmen, im realen Leben wirklich nette Zeitgenossen sind. Allein aus diesem Grund macht die Unterscheidung in “real Life” und “virtual Life” durchaus Sinn – ganz einfach weil man teilweise mit zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten konfrontiert wird. Jemand, der mich vor Wochen noch wüst beleidigt hat, tritt auf einer Computermesse an mich heran und ist ein netter und zivilisierter Mensch. Ihr denkt, dass ich übertreibe? In mittlerweile 6-7 Jahren Community-Arbeit im Gaming-Bereich kann ich gar nicht zählen, wie oft mir etwas vergleichbares passiert ist. Ich nenne mal ein Beispiel von einem Kerl, von dem ich weiß, dass er es mir nicht übel nehmen wird: “Good old” Magic23, in der Wc3-Szene Mitarbeiter bei der Konkurrenzseite Inwarcraft.de. Online haben wir uns zu jener Zeit gegenseitig beleidigt und waren uns alles andere als grün. Irgendwann trafen wir uns dann bei einem Giga-Event und sind seitdem mehr oder weniger freundschaftlich in Kontakt. Persönlich war es einfach eine völlig andere Ebene und ebenso ein komplett anderer Dialog. Ich dachte damals nur: “Hey, was für ein netter Kerl, völlig anders, als im Netz”.

Aber zurück zur Flame-Kultur in der Gaming- bzw. Onlineszene: Im Grunde kann es ja mir ja egal sein, ob sich irgendwelche pubertierenden Jugendlichen im Netz gegenseitig beleidigen. Allerdings betrifft es mich besonders durch den Erfolg und die Bekanntheit von wowszene.de immer wieder selbst. Als Webmaster einer Online-Plattform gehört es zum Tagesgeschäft, sich täglich beleidigen zu lassen. Als ich damals bei w3community.de mit meiner ersten Seite anfing und das Projekt langsam an Bekanntheit gewann, tauchten natürlich auch die ersten Flamer in meiner bis dahin so familiären Community-Seite auf. Ich weiß noch genau, wie mich die ersten persönlichen Beleidigungen aus den Schuhen gehauen haben, einfach, weil man es nicht kannte und überhaupt nicht damit umgehen konnte. Und genau das ist in meinen Augen auch das Hauptproblem an der Szene: Die Leute denke, es stünde ihnen zu, alles und jeden zu beleidigen. Kein Wunder eigentlich, denn im Gegensatz zum realen Leben erfahren sie keinerlei Sanktion für ihr Handeln. In meinen Augen äußerst kurzsichtig, denn im Grunde schaden sie sich nur selbst – ohne es zu merken. Warum verlieren denn ein Großteil der freiwilligen Mitarbeiter von Community-Seiten oder anderen Gamer-Projekten so schnell die Lust an ihrer Arbeit? Man opfert seine Zeit, meist komplett ehrenamtlich, für ein Projekt, eine News oder eine freiwillige Arbeit, und was bekommt man als Dankeschön? Man wird überwiegend beleidigt. Schaut doch mal auf wowszene.de in die Comments der News unserer neuen Mitarbeiter. Ihr werdet nicht in einem einzigen Thread ein “Dankeschön” lesen. Statt dessen wird über Rechtschreibung, inhaltliche Fehler oder andere Belanglosigkeiten genörgelt oder geflamed. Wer macht das denn auf Dauer mit, wenn er nicht gerade so wie ich, die Seite leitet oder über Werbegelder gewisse Einkünfte bezieht?

Die Anspruchshaltung der Community und der Szene generell kann nur als äußerst anmaßend und respektlos bezeichnet werden. Das beste Beispiel hierfür ist doch unser Hörspiel-Projekt Allimania. Keiner da draußen denkt auch nur halbwegs darüber nach, welch unglaubliche Arbeit hinter jeder Folge steckt. Gott sei Dank schreibt ja mittlerweile Zach die Drehbücher. Vor dieser Entlastung arbeitete ich teilweise 30-40 Stunden an einer Folge. Und nein, ich übertreibe nicht, kein bisschen. Natürlich gibt es auch immer wieder ein Dankeschön an mich und das Team, aber ein Großteil des Feedbacks, bzw. der Comments besteht aus “Gott, ich finde diese Scheiße nicht witzig”, “Folge X fand ich wesentlich besser”, “voll unlogisch”, etc. Obwohl Allimania ein komplett kostenloses Angebot ohne jegliche Werbung ist, muss man sich Anfeindungen und Beleidigungen gefallen lassen, weil der angebotene Download nicht schnell genug ist. “Ich will mein Allimania”, liest man immer wieder? “Dein” Allimania?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der ein oder andere von Euch das “jetzt nicht so schlimm findet”. Ja genau, eben weil wir uns in dieser Szene bewegen und wir es schon gar nicht mehr anders kennen. Wir sind es gewohnt, geflamed zu werden. Und auch ich bin es gewohnt, geflamed zu werden. Denn in diesen 6-7 Jahren, in denen ich neben meiner beruflichen Karriere diese Seiten als Hobby betreibe, habe ich ein solch “dickes Fell” entwickelt, dass mich eigentlich nichts mehr wirklich schocken kann. Wenn man sich in dieser Szene bewegt, stumpft man ab, ob man will oder nicht. Während mich die ersten Flames damals noch umgehauen haben, zaubert heutzutage selbst eine Entgleisung von Herrn Leusch in Form von “Herr Krömer und die Lügen” nur noch ein müdes Lächeln auf mein Gesicht – grundsätzlich ja eigentlich ziemlich anmaßend und nachgewiesen nicht der Realität entsprechend. Während ein normaler Durchschnittsmensch, der sich nicht in der Gaming-Szene bewegt, sicherlich seinen Anwalt hinzugezogen hätte, um eine Gegendarstellung zu erwirken, bzw. Herrn Leusch wegen Rufmords zur Verantwortung zu ziehen, regelt man das in der Gamingszene anders: Es wird einfach “zurück beleidigt”, was anhand der durchaus anfälligen Vergangenheit von “good old” Gundil keine große Schwierigkeit darstellt.

Ihr seht also, ich selbst kann mich dem Einfluss der Gamingszene auch nicht entziehen, ganz einfach, weil ich ein Teil davon bin und mich selbst darin bewege. Die “Spielregeln” gelten für alle. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mich einem Großteil der Flamer einfach zu entziehen, indem ich wowszene.de zu einer geschlossenen Community mache und alle Leute, die sich nicht benehmen können, wegbanne. Ich weiß, dass viele von Euch dieser Vorgehen äußerst kritisch sehen. Viele schreien nach Meinungsfreiheit oder bescheinigen mir eine völlige Kritikunfähigkeit. Ich selbst sehe es als ‘”pädagogische Maßnahme”: Ich lasse mich einfach nicht mehr dafür beleidigen, dass ich mir seit Jahren meinen Hintern für die Community aufreiße. Wer das akzeptiert und seine Kritik in einem vernünftigen Rahmen äußert oder schlicht anderer Meinung ist, wird niemals von mir in irgend einer Form sanktioniert werden. Wer dazu nicht in der Lage ist und meint, es wäre sein Recht, alles und jeden zu beleidigen (schließlich darf er es auf anderen Seite ja auch), wird sehr schnell feststellen, dass er seinen Account auf wowszene.de damit verliert. Vielleicht lernt er seine Lektion bis zum nächsten Mal.

Es amüsiert mich immer wieder, wie die Leute ausflippen, wenn sie begreifen, dass sie eben nicht die gleiche “Beleidigungs-Freiheit” genießen, wie auf anderen Seiten. Fast wöchentlich sieht man bei den Kollegen von Buffed oder Inwow neue “Stevinho ist Hitler”-Threads aus dem Boden wachsen. Sie fordern eine Stellungnahme, ich solle mich doch gefälligst äußern, schließlich wären sie “komplett ohne Grund” gebanned worden, einfach weil ich der “dritte Antichrist” wäre. Oft benutze ich in diesem Fall den “Zurück” Browserbutton und lese mir den gelöschten Post noch mal durch. Dabei fällt mir gerade mein letzter Ban-Fall auf wowszene.de zu meinem Wrathgate-Video ein:

Warum spoilerst Du das alles, du verdammter Spast

Kritik, an sich okay: Evtl. hätte ich den Nebensatz mit Varimathras aus der News lassen sollen – passierte in meiner Begeisterung für die Geschichte und das Video. Allerdings die Form, bitte… Ich verbringe die gesamte Nacht damit, a) die Quest zu machen (Quest verbugged, vor Undercity ca. eine Stunde gewartet), b) das Video zu schneiden und zu vertonen, c) es auf drei verschiedenen Flash-Streams zu uppen, wovon es dann bei GameVee im zweiten Versuch endlich funktioniert. Ich kam um 9 Uhr morgens ins Bett. Und ich bin ein “verdammter Spast”, weil ich einen kleinen Spoilersatz in die News stecke?

Ähnlich läuft es hier in dem Blog. Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht undankbar erscheinen, ich bin wirklich äußerst dankbar, wie zahlreich meine Projekte und Seiten von Euch unterstützt werden, aber habt Ihr eine Ahnung, wie viele Comments ich pro Blogeintrag löschen muss? Ich frage mich, wie das andere Seitenbetreiber machen. Alles andere als moderierte Comments sind einfach untragbar. Die Leute gehen/gingen davon aus, dass sie all die durch wowszene.de angestauten Flamewünsche gegen den bösen Stevinho hier endlich und ein für allemal rauslassen können: “Ein Blog? Ha, da kann jeder posten und ich kann schön anonym flamen”. Es gab eine Zeit, da war jeder zweite Comment eine persönliche Beleidigung auf “Gossenniveau”. Als ich letzte Woche die Spickmich-News schrieb, haben sich die Leute dort angemeldet und meine Schule angegeben, damit sie mir schlechte Noten geben konnten, weil sie mir die Note 1,5 nicht gegönnt haben. Wie krank ist denn das bitte?

Es mag ja sein, dass ich eine große Anzahl an Fanboys habe – ich würde sie übrigens nicht so bezeichnen, weil ich niemals jemanden mit so einem Begriff betiteln würde, nur weil er meine Arbeit verfolgt und unterstützt. Fakt ist aber auch, dass ich eine mindestens genauso große Anzahl an Gegnern habe, denen meine Art ein Dorn im Auge ist und die sich einfach nicht damit abfinden wollen, dass ich nicht nach ihrer Pfeife tanze und sie nicht eine für die Gaming-Szene typische Flame-Verhaltensweise an den Tag legen dürfen. Ich werde auch in Zukunft meinen Kurs so fahren: Meine Seiten, meine Regeln.

Und ich merke gerade, dass sich dieser Blogeintrag, ziemlich entgegen meiner eigentlich Intention, in einen Einblick in mein Leben als Online-Redakteur, bzw. Webmaster von Community-Seiten verwandelt hat. Beim erneuten Durchlesen erkenne ich fast schon autobiografische Züge. Naja, was soll’s!

Vielleicht könntet Ihr zumindest einen Kommentar zum ersten, etwas neutraleren Teil dieses Blogeintrags verfassen? Wie empfindet Ihr den Umgang in der Gamingszene? Was stört Euch und was gefällt Euch? Sehe ich die Lage zu schwarz, oder bin ich nur durch meine Erfahrungen zu vorbelastet?

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