Zeitreise-Tagebuch: Das Jahr 2011

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Zeitreisen sind anstrengend. Mir wird jedes Mal schlecht davon – Reisekrankheits-Kaugummi hilft auch nicht. Ob es vielleicht irgendwann ein Zeitkrankheits-Kaugummi geben wird? Naja, wenigstens war ich dieses Mal so schlau, in den Sommer 2011 zu reisen…

Warum ich mich für das Jahr 2011 entschieden habe? Dafür gibt es zwei wichtige Gründe:

1. In die Vergangenheit zu reisen, ist heikel. Kleinste Dinge können den Lauf der Geschichte verändern. Ich bilde mir, dass, je weiter ich zurückreise, desto größer fallen schon kleinste Änderungen ins Gewicht. Daher möchte ich es vorsichtig angehen lassen. Mal schauen, wie mir die Reise bekommt. Evtl. ist es ja etwas anderes, als in die Zukunft zu reisen…

2. 2011 war das vielleicht schönste Jahr meines Lebens: Burger-Sieg, Community-Treffen, eigener Werbespot, überall in den Medien, Penis-Verkleinerung… und ach ja, die Mavs haben den NBA-Titel in einem denkwürdigen Finale gegen LeBron James und seine Miami Heat gewonnen.

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Es ist schon ein komisches Gefühl, sich selbst zu sehen. Es ist, als wärst Du in einem 3D-Film. Als ich mir selbst dabei zuschaue, wie ich im Garten sitze und meinen Kater streichle, merke ich, wie ich einen dicken Kloß im Hals bekomme – vor allem, weil mein Kater vor einem Jahr verstorben ist und daher unglaublich schön, ihn hier wiederzusehen.

Es gibt so viele Dinge, die ich mir selbst gerne zurufen würde. Mir schießen tausend Sachen durch den Kopf. Am liebsten würde ich in diesen Garten stürmen, meinen Kater in den Arm schließen und mir selber zurufen: “Alter, Du weißt gar nicht, wie gut es Dir gerade geht. Egal was Du tust, genieß’ diese Zeit. Genieß’ jede Sekunde!”

Ich tue es aber nicht. Nicht weil ich Angst habe, sondern weil ich mir meiner Verantwortung bewusst bin. Niemand weiß, was ein solcher Ausbruch für Folgen hätte. Ich bleibe also in sicherer Entfernung, jenseits einer Hecke, auf der anderen Seiten des Zauns. Ich nehme mir vor, mich selbst in Zukunft zu meiden. Sich selbst zu sehen, egal in welcher Zeit, ist extrem emotional.

Mir fällt auf, wie unglaublich schlank ich 2011 ausgesehen habe, fast schon unterernährt. Ich erinnere mich, dass ich kurz davor “Projekt L” durchgezogen und 25 Kilo abgenommen habe. Gesund sieht das trotzdem nicht aus. Scheinbar bin ich aber auf einem guten Weg, denn ich beobachte mich dabei, wie ich den Grill aufbaue. Die guten, alten Grill-Abende zu dieser Zeit – mit meiner damaligen Freundin und meinen zwei Katzen. Da sehe ich meine Ronaldo um die Ecke kommen, die war damals ganz schön fett…

Während sich mein 2011-bartloses-Ich mit dem Grill beschäftigt, bemerke ich, dass beide Katzen durch die Büsche schleichen. Figo beackert einen kleinen Baum, der nur ungefähr drei Meter von mir entfernt ist. Ob ich es wagen kann? Wird es Folgen haben? Was soll schon passieren? Hat sich nicht jeder von uns schon mal gewünscht, sein geliebtes, verstorbenes Haustier noch einmal in den Arm nehmen zu dürfen. Wie wird er reagieren? Wird er mich erkennen?

Figo

Ich kämpfe zehn Minuten mit mir. Figo hat es sich unter dem Baum gemütlich gemacht. Als ich sehe, dass meine jüngere Version ins Haus geht, um etwas für den Grill zu holen, nutze ich meine Chance und rufe leise Figos Namen. Er kennt die Art, wie ich ihn rufe und auch die Tonlage. Er schaut in meine Richtung. Ich rufe flüsternd erneut nach ihm. Er bewegt sich. Mein Herz bleibt fast stehen. Er kommt langsam auf mich zu und kriecht unter dem Zaun durch. Ich halte ihm meine Hand entgegen. Er riecht daran. Ich fange vorsichtig an, ihn zu streicheln. Mir laufen die Tränen die Wangen herunter. Gerade als ich ihn in den Arm nehmen will, höre ich mein 2011-Ich seinen Namen rufen. Figo dreht sich um und läuft schnell zu seinem Herrchen.

Ich muss hier weg. So leise es mir möglich ist, schleiche ich mich davon. Nachdem ich das Grundstück verlassen habe, eile ich mit schnellem Schritt zu meiner Zeitmaschine. Ich schaue mich um, ob irgendwer in der Nähe ist und setze mich hinein. Zuhause angekommen, wird mir zum ersten Mal richtig bewusst, was ich hier eigentlich tue. Auf der einen Seite ist es eine große Macht und ein unglaubliches Geschenk, auf der anderen Seite auch eine wirklich große Verantwortung und Gefahr. Ich weiß nicht, ob ich weitermachen werde. Ich muss jetzt erstmal eine Nacht drüber schlafen und alles verarbeiten.

Ich rieche an meinen Händen und erkenne den Geruch von Figos Fell darin. Gott, wie ich diesen Kater vermisse. Ich erinnere mich an Harry Potter und den Spiegel Nerhegeb. Ich muss aufpassen, dass ich mich am Ende nicht darin verliere…

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Aktion, Leuchtturm
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