Das Jogi-Problem

Die Fußball Nationalmannschaft ist Deutschlands liebstes Kind. Kein anderes Ereignis oder Event schafft es, die Massen so zu begeistern und zu mobilisieren, wie ein Länderspiel der deutschen Mannschaft. Aber in diesen Tagen hängt der Haussegen schief im deutschen Team: Nachdem Trainer Löw zuerst Kevin Kurányi aus der Mannschaft geworfen hat, folgten öffentlich Auseinandersetzungen mit Torsten Frings und nun mit dem Leitwolf und Kapitän des Teams Michael Ballack. Auch wenn die Öffentlichkeit immer noch hinter Löw steht, scheint sein Ruf innerhalb der Mannschaft bereits angekratzt zu sein, anders kann man es sich wohl kaum erklären, dass sich der Kapitän der deutschen Fußball Nationalmannschaft öffentlich hinstellt und Kritik äußert. Aber fangen wir mal ganz vorne an…

Ich bin kein großer Fan von Kurányi, das mal vorweg. Ich meine es spricht für sich, dass er in den letzten Wochen und Monaten immer wieder von den eigenen Fans ausgepfiffen und als “Chancentod” betitelt wurde. Ich würde also niemals so weit gehen, zu sagen, dass Kurányi Anrecht auf einen Stammplatz im deutschen Team hat. Aber seien wir mal ehrlich, das was Klinsmann und Löw in den letzten Jahren mit ihm veranstaltet haben, kommt schon einer Art Demütigung gleich: Kurz vor der WM aus dem Team geworden, danach wieder reingeholt, bei der EM ein Kurzeinsatz und danach nur noch Bank oder Tribüne. Ich frage mich immer, wonach Herr Löw eigentlich entscheidet, wer spielen darf? Geht es nach Leistung im Verein, oder nach Leistung im Nationalteam? Wenn es nach Leistung im Verein gehen würde, dürfte Podolski niemals spielen. Aber da unser Lukas in der Nationalmannschaft immer seinen talentierten Zwillingsbruder spielen lässt und sehr gute Leistungen zeigt, hat er wohl seinen Stammplatz verdient. Wenn ich aber sehe, dass Löw immer wieder Mario Gomez als dritten Stürmer bringt, der sowohl bei der EM, als auch aktuell in der Bundesliga völlig neben sich steht, kann man schon nachvollziehen, warum Kurányi die Welt nicht mehr versteht. Seine Reaktion während des Russland-Spiels war sicherlich überzogen, aber in meinen Augen durchaus verständlich.

Der Fall Frings bringt mich als Werder-Fan natürlich auf die Palme. Wisst Ihr, Löw redet davon, dass er das Team für die Zukunft umbauen will. Okay, aber warum zur Hölle lässt er dann Frings draußen und bringt mit Hitzlsperger einen der in meinen Augen meist überschätzten Spieler aller Zeiten? Wenn er wenigstens Rolfes spielen lassen würde, der in Leverkusen eine großartige Rolle spielt, könnte ich es ja verstehen. Erneut die Frage: Nach welchen Kriterien stellt “good old ” Jogi sein Team denn auf? Hitzlsperger überzeugt weder im Nationaldress, noch beim VFB Stuttgart. Sicher hat Frings keine überragende EM gespielt, aber wer hat das denn außer Lahm, Schweini und Poldi? Frings spielt nun schon über Jahre bei Werder auf konstant hohem Niveau. Wenn sich Herr Löw dann hinstellt und davon spricht, dass er auch weiterhin große Stücke auf Frings halten würde und ihn weiterhin einplane, sich aber Frings im Spiel gegen Wales nicht mal warmlaufen darf, würde ich mir an seiner Stelle auch verarscht vorkommen.

Und das sieht nicht nur Frings so, sondern auch der “Capitano” Michael Ballack, wie er gestern in einem Interview verlauten ließ. Ballack wisse nicht, ob der Bundestrainer Frings schon abgeschrieben habe, “aber wenn man einen nicht mehr will, sollte man das ehrlich ansprechen”, sagte Ballack: “Respekt und Loyalität ist doch das Wenigste, was man als verdienter Nationalspieler erwarten kann”. Er frage sich, so Ballack, ob es in der Vergangenheit in der Nationalelf Fälle gegeben habe, bei denen das Leistungsprinzip nicht angewendet worden sei und kritisierte die aktuelle “Form des Konkurrenzkampfes nach einer erfolgreichen Europameisterschaft, dass gestandene Leistungsträger wie Torsten Frings, Miroslav Klose und auch ich plötzlich in Frage gestellt und öffentlich angegriffen werden”.

In meinen Augen eine legitime Aussage eines Kapitäns der deutschen Nationalmannschaft. Ich finde es gerade in dieser Zeit, wo eigentlich jeder nur noch an das eigene Wohl denkt bemerkenswert, dass sich ein Spieler vor einen anderen Spieler stellt. Ballack ist nach dieser Aussage in meiner Gunst extrem gestiegen – was ihn wahrscheinlich nicht wirklich tangieren wird. Egal, diese Aussage jedenfalls brachte nun wiederum Jogi Löw zur Weißglut:

Ich werde mit Michael Ballack telefonieren und ihn zu einem Gespräch in Deutschland auffordern, um ihm zu sagen, dass ich von dem Weg, den er gewählt hat, maßlos enttäuscht bin und die inhaltlichen Aussagen von ihm nicht akzeptabel sind […] Ich lasse mir das nicht gefallen und werde auf diese Unterredung bestehen. Alles Weitere wird man dann sehen, meine Entscheidung hängt dann auch vom Verlauf dieses Gesprächs ab.

Torsten Frings kommentierte diese Aussage wiederum heute nach dem Champions-League Spiel in Athen, wie ich es nicht besser hätte ausdrücken können:

Ich habe mich nie darüber aufgeregt, dass ich jetzt meinen Stammplatz verloren habe. Ich habe keine Probleme damit, mich dem Konkurrenzkampf zu stellen – das ist ein Witz. Das mache ich ja seit zehn Jahren […] Eine Meinung darf man ja wohl noch äußern. Michael ist Kapitän, hat ein Gespür dafür, wenn irgendwas nicht stimmt. Er hat 89 Länderspiele und wenn er nichts sagen darf, dann darf niemand mehr was sagen.

Und genau so sieht’s aus. Auch wenn Löw aktuell noch Rückendeckung von den DFB-Offiziellen bekommt, habe ich sehr stark das Gefühl, dass die Lage kurz davor ist, zu eskalieren. Da sich ja DFB-Manager Oliver Bierhoff ebenfalls im Dauerstreit mit Ballack befindet, liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass sowohl Ballack als auch Frings ihren Rücktritt aus der DFB-Elf erklären. Und was dann? Wir wollen 2010 Weltmeister werden und brauchen einfach Führungsspieler, wie Ballack und Frings. Natürlich haben wir viele junge Wilde im Mittelfeld-Bereich, aber die Erfahrung zeigt, dass nur eine gute Mischung von jungen, talentierten und erfahrenen Spielern zum Erfolg führt. Auch wenn Schweini momentan in guter Form ist, denke ich nicht, dass er aktuell einen Michael Ballack ersetzen kann – vielleicht kann er es 2010, wer weiß. Ich jedenfalls bin der Ansicht, dass Jogi Löw momentan demonstriert, dass ihm die nötigen Führungsqualitäten fehlen. Man kann einfach nicht seine Authorität auf dem Rücken der Spieler austragen. Und diese ganzen öffentlichen Diskussionen schaden im Prinzip doch nur der Mannschaft. Unter einem Rudi Völler oder Jürgen Klinsmann hat es sowas in dieser Form nicht gegeben.

Ich würde gerne Eure Meinung zu der ganzen öffentlichen Diskussion im Nationalteam lesen – schließlich sind wir ja alle ein bisschen Bundestrainer, oder? Also husch husch, ab in die Comments.

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