Mehr zum Internet-Perso

Spannend, was da heute in die Comments ablief. Ich habe mich zu einem Thema geäußert, was mit großer Sicherheit äußerst kontrovers diskutiert werden kann. Ich werde oft gefragt, warum ich in letzter Zeit so selten auch mal schwierige Sachlagen hier auf meinem Blog thematisiere – ganz einfach, weil es immer so abläuft wie heute. Eben weil man sich im Netz noch anonym bewegt, ist eine wirklich substantielle Auseinandersetzung oder Diskussion zu solch kontroversen Themen leider nicht möglich. 125 Comments sind zu dem Blogeintrag aktiv, mindestens 200 habe ich erst gar nicht freigegeben, weil sie wüste Beleidigungen, Phrasen und Sprüche wie “Stevinho, das hätte ich nicht von Dir gedacht” enthielten. Andere Meinungen werden im Netz einfach nicht geduldet, was ich echt schade finde, da zwischen dem ganzen “virtuellen Müll” doch einige ganz spannende Comments dabei waren. Trotzdem spricht mit der Kommentar von Rizzen aus der Seele:

Ich finde es überaus faszinierend, wieviele Leute hier ihre spontane, nicht weiter durchdachte Meinung posten (was soweit ja nicht schlimm ist) und sich dann folgende Situation ergibt: Steve antwortet darauf, hebt Scheinargumente als solche hervor oder stellt den Argumenten der anderen seine Argumente entgegen. In den Antworten darauf wiederum wird sich dann erstmal vehement gewehrt und alles mögliche aus den Fingern gesogen, aber zu einer ernsthaften Diskussion über das Thema scheint dann kaum einer bereit zu sein. Aber naja, ich sollte mich nicht wundern, sowas ist in Kommentaren allgemein ja auch nichts neues.

Auch wenn es sicher einige wirklich schlagkräftige Argumente gegen einen Internet-Führerschein/-Personalausweis gibt, werden immer irgendwelche Phrasen nachgeplappert, die man irgendwo aufgeschnappt hat. Bestes Beispiel ist die kleine Diskussion mit SlothAvowal (nachzulesen in den Comments zum letzten Blogeintrag):

Es soll doch tatsächlich Leute unter uns geben die sich DVD´s, Filme und Spielchen nicht leisten können, jedoch auch mal ein wenig Luxus für sich brauchen um nicht völlig zu verkommen.

Für mich ist dies ein komplettes Totschlag-Argument: Weil ich mir etwas nicht leisten kann, habe ich das Recht, es im Netz kostenlos und illegal zu erwerben?!? Als ich ihn im Laufe dieser Diskussion darauf hinweise, versuchte er in zwei weiteren Posts verzweifelt, Argumente zu finden, warum es okay ist, sich illegal Sachen im Netz zu saugen:

Plattenfirmen machen Millionen mit von ihnen selbst ins Netz gestellten Songs. Die meisten Spiele heutzutage leben von ihrer Online Community. Filme gibts es mittlerweile überall legal zu sehen.

Ich denke, diese Aussagen muss man nicht groß kommentieren – das ist quatsch und dient ausschließlich dazu, seine illegalen Aktivitäten im Netz schönzureden. Als ich ihm antworte und schreibe, dass dies sicherlich nicht der Realität entspricht, versucht er noch weiter, mir aufzuzeigen, dass es doch mittlerweile im Sinne der jeweiligen Industrie sei, dass man ihre Produkte illegal im Netz saugt. Irgendwann merkt es jedoch selbst, was für einen Bullshit er schreibt. Urplötzlich schwenkt er radikal um und kommt mit folgender Aussage:

Achja, wie ging das nochmal? “Der Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes garantiert die Unantastbarkeit der Menschenwürde…”

Und für mich ist dieses Vorgehen extrem typisch für die breite Masse an Jugendlichen. Die meisten Jugendlichen machen es allerdings genau andersherum: Sie werfen mit Begriffen wie Menschenrechte und Überwachungsstaat um sich, aber in Wirklichkeit geht es ihnen schlicht und einfach um ihre kostenlosen Downloads. Ich finde es bewundernswert ehrlich von SlothAvowal, dass er so argumentiert hat, und es tut mir auch leid, dass ich ihn jetzt hier ein wenig bloßstellen muss, aber genau darum geht es.

Darüber hinaus gab es extrem viele Comments, die berichteten, bei einer strengeren Identifikationsmöglichkeit im Netz gäbe es keine freie Meinungsäußerung mehr und keiner würde sich mehr irgendwas trauen. Warum sollte das so sein? Wir leben doch nicht in der Diktatur! Warum sollte sich denn irgendwas ändern, wenn ein realer Name oder eine Art “Kundennummer” unter einem Beitrag stehen würde? Kommen dann direkt die schwarzen Männer und holen einen ab? Es würde sich absolut gar nichts ändern, bis auf die Tatsache, dass man über die Sachen, die man von sich gibt, ein bisschen besser nachdenkt.

Ein weiteres oft genanntes Argument ist die Sache mit der Privatsphäre: Mein Chef soll nicht wissen, dass ich auf einem Sex-Forum einen flotten Dreier suche. Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass die Sex-Branche, die Millionen, ja gar Milliarden mit ihren Kunden macht, nicht schlau genug wäre, eben sowas vorherzusehen. Sie würden sicher ein Möglichkeit anbieten, dass Eure Real-ID in solchen Foren unkenntlich gemacht werden würde.

Außerdem stellen alle es immer so dar, dass ein Internet-Ausweise immer gleich ein Foto von Euch mit Adresse sein müsste. Es gibt doch sicherlich auch eine Menge Zwischenlösungen. Wenn heutzutage ein Flame-Kind einen “wir hassen Stevinho”-Blog eröffnet, kann ich genau gar nichts machen. Ich kann den Provider anschreiben und ihn bitten den Blog offline zu nehmen, was in der Regel ewig dauert und meistens nicht gemacht wird. An die Daten des Blog-Betreibers komme ich nicht ran, da er für das Eröffnen den Blogs maximal eine Fake eMail-Adresse braucht. Und selbst wenn ich die IP des Betreibers habe, brauche ich einen Gerichtsbeschluss, damit der Provider die Daten rausrückt, was in der Praxis unglaublich schwer und zeitraubend ist – und sind keine hohlen Phrasen, sondern Erfahrungswerte!

Ich weiß, dass ich technisch nicht 100% auf der Höhe bin, aber wie wäre es beispielsweise mit einen festen IP, die jedem Internet-User geordnet wird und mit der sich diese Person ins Netz einwählt. Unter jeder Aktivität im Netz wird automatisch diese IP angegeben. Ebenso wird bei jeglichem eMail-Verkehr diese feste IP mit übermittelt. Wenn die Person nun irgendwelchen Gaunereien startet, gibt es ein Zentralregister über das man mit Hilfe eines Anwalts die Daten des Delinquenten ermitteln kann. Ich weiß nicht, inwieweit sowas technisch umsetzbar ist, aber mir persönlich würde eine solche Zwischenlösung schon reichen.

Natürlich wird das Geflame jetzt weitergehen und auch die üblichen “Überwachungsstaat-Phrasen” werden ordentlich weitergespammt. Das alles wird aber an meiner Meinung nichts ändern. Vielleicht können wir eine sachlichen Diskussion zu diesem Thema mal in eine unserer neuen Technik-Sendungen verschieben, spannend ist das Thema allemal!

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