Leuchtturm-Woche: Das blöde Mathe

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Eigentlich wollte ich heute über ein anderes Thema schreiben, aber die Comments zu meiner gestrigen Kolumne haben mich dazu bewegt, die ganze Sache doch nochmal aufzunehmen. Die Kommentare sind das perfekte Beispiel dafür, warum sich in Deutschland seit vielen Jahren in Sachen Bildung nichts bewegt. Wir Deutschen sind Traditionalisten, die nur allzu gerne an alten Werten und Idealen festhalten und jegliche Veränderungen verabscheuen. Nach meinem Mathe-Beispiel gestern wurde sich in den Comments förmlich daran festgekrallt, wie wichtig das Fach für die Schüler wäre und dass man es quasi für fast alle Studiengänge (und für das ganz Leben) brauchen würde. Ein potentielle Möglichkeit, das Fach nach der Grundschule abwählen zu können, käme quasi einer Ausrottung jeglichen modernen Lebens gleich.

Daran ist schön zu sehen, wie festgefahren der ganze Bildungsapparat eigentlich ist. Einige Community-Mitglieder wiesen mich gestern in den Comments darauf hin, dass man an ihren Universitäten sogar in Fächern wie Biologie, Medizin oder Psychologie Mathe-Kurse belegen müsse – hierbei sei der Stoff aus 12-13 Jahren Mathematik in der Schule Grundvoraussetzung. Man muss sich das mal vorstellen: Jemand, der sei ganzes Schulleben Mathe gehasst und sich damit rumgeschlagen hat, schreibt sich an der Uni für Psychologie ein und kriegt gleich zu Beginn seines Studiums erstmal einige Mathe-Kurse vorgesetzt. Unfassbar eigentlich.

Halten wir also fest: Im aktuellen Bildungssystem in Deutschland kommt man an Mathematik nicht vorbei und braucht es sogar im Studium in überraschend vielen Fächern. Daran sieht man also, dass eine mögliche Neuordnung/Umstrukturierung des Bildungsapparats in Deutschland auch vor Universitäten und Studiengängen nicht halt machen darf.

Kommen wir nochmal zurück zu meinem Gedanken von gestern: Ich selbst bin Lehrer an einer Oberschule, d.h. wir haben haben ausschließlich Haupt- und Realschüler bei uns. Meine These, dass ein Schüler, der mit Mathe überhaupt nichts anfangen kann, das Fach eigentlich nach der Grundschule abwählen können sollte, würde zu unserer Schulform also durchaus passen. Denn ein Schüler, der mit Mathe nichts anfangen kann, wird aller Wahrscheinlichkeit nach keine Ausbildung zum Fachinformatiker anfangen. Da wir eine gute Schule sind, haben wir eine relativ hohe Quote von Schülern, die nach der zehnten Klasse noch Abitur machen. Was macht man dann mit diesen Schülern? Die kommen dann doch wieder nicht drum herum? Man sieht also, dass es im Grunde nicht möglich ist, irgendwelche Kleinigkeiten zu verändern und weiterhin an unserem Schulsystem herumzuflicken. Entweder wird es komplett umgekrempelt (was aus meiner Sicht leider niemals passieren wird) oder man lässt es so wie es ist. Dann darf man sich aber auch nicht den ganzen Tag beschweren und über Noten meckern…

Damit Ihr versteht, worum es mir eigentlich geht, möchte ich zum Abschluss nochmal zu meinem Beispiel mit der Schülerin zurückgehen: Ich hatte im Laufe der Zeit an meiner Schule immer wieder Schüler, die keinerlei Mathe-Verständnis vorweisen konnten. Manchmal waren es Fälle von Dyskalkulie, manchmal irgendwas Anderes in der Richtung. Ich kann mich an eine junge Dame erinnern, die jedes Jahr ein überragendes Zeugnis hatte: In jedem Fach eine 1 oder 2 – nur in Mathe hatte sie immer eine 5. Sie war eine super ehrgeizige Schülerin und hat alles versucht, ihr Mathe-Problem in den Griff zu bekommen. Am Ende ihrer Zeit bei uns war sie so frustriert und vor allem demotiviert, dass ihre Leistungen in den anderen Fächern auch zurückgingen.

Und genau das ist aus meiner Sicht das größte Problem an der Bildung in Deutschland: Anstatt die Schüler in Dingen zu fördern, die sie gut können und in denen sie aufgehen, zwingen wir sie, Dinge zu tun, die eben nicht gut können. Erkennt denn niemand den Widerspruch darin?

Und nein, es wird sich nichts ändern. Genauso wie die ältere Generation nicht bereit ist, das Hobby Computerspiele anzuerkennen und uns Gamer weiterhin als “Bekloppte” und potentielle Amokläufer abstempelt, so wird auch die Bildung noch viele, viele Jahre in der Vergangenheit leben. Man wird weiter rumjammern, dass man bei PISA die hinteren Plätze belegt und immer wieder krampfhaft irgendwelche Unterrichtsmethoden einführen, die das ändern sollen. Außerdem wird man versuchen, von führenden Ländern wie Japan oder Finnland etwas zu lernen. Was ebenfalls nicht funktionieren wird, da dies nicht an den Methoden, sondern an der Struktur und Mentalität dieser Länder liegt.

Zum Glück hatte ich Mathematik als Leistungskurs im Abitur: Nur so war es mir möglich, das alles zu erkennen und den totalen Durchblick zu behalten. Und damit möchte ich das Thema schließen, liebe Community. Hausaufgabe: Comments schreiben!

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