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Seit mittlerweile fast fünfzehn Jahren kämpfe ich nun schon dafür, dass das Fach Medienkunde seinen Weg in den Regelunterricht allgemeinbildender Schulen findet. In dieser Zeit wurde ich dafür von offizieller Seite immer wieder belächelt und/oder nicht ernst genommen: „Es gibt wichtigere Fächer, Herr Krömer!“ Gibt es die? Hat Schule nicht den Anspruch, unsere Jugend auf das (Berufs)Leben vorzubereiten? Wie kann es da sein, dass Schule in unserer medialen und digitalisierten Welt, wenn überhaupt nur sehr sporadisch das Fach Informatik (was nicht mal Informatik ist) im Regelunterricht anbietet? Im Bundesland Schleswig-Holstein ist Informatik überhaupt nur im siebten Jahrgang vorgesehen – und dort wird quasi ausschließlich der Umgang mit Word, Excel und Powerpoint unterrichtet.

Dass Deutschland extrem „bildungsprüde“ ist, weiß jeder, der sich auch nur annähernd mit dem Thema beschäftigt hat. Bildung wird nicht im Bund, sondern auf Landesebene entschiedet – sprich: Jedes Bundesland „kocht sein eigenes Süppchen“. Bildungsminister und -Senatoren werden ernannt, ohne wirklich den Durchblick in diesem Bereich zu haben. Teilweise will man sich in seinem jeweiligen Bundesland mit „blindem Aktionismus“ einen Namen machen und drückt irgendwelche Änderungen durch, die absolut keinen Sinn haben. Auf der einen Seite will man nichts am System verändern (und tut sich extrem schwer damit, den Unterricht digitaler zu gestalten), auf der anderen Seite bürdet man uns Lehrern immer mehr Bürokratie und immer größere (und sinnlosere) Aufgaben auf: Inklusion, Differenzierung (in einem unmöglichen Rahmen), DAZ-Kinder und Noten-/Bewertungschaos – das alles sollen wir im Schul-Alltag zusätzlich bewältigen, ohne dafür ausgebildet worden zu sein.

Aber kommen wir mal zurück zum Fach Medienkunde: Wir überlassen aktuell eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen sich selbst. Medienerziehung findet größtenteils über Youtube oder die sozialen Netzwerke statt. Niemand sagt den Kindern und Jugendlichen, was richtig und falsch ist oder wo die Gefahren im Netz lauern. Eltern sind mit dieser Aufgabe oftmals überfordert, weil sie damit selbst nicht aufgewachsen sind. Wer soll es also sonst machen, wenn nicht wir Lehrer?



Folgende Bereiche sollten meiner Ansicht nach u.a. dringend im Unterricht thematisiert werden:

Cyber-Mobbing: War doch nur Spaß? Was kann ich damit anrichten? Bin ich im Netz wirklich anonym und keiner kann mir was?

Urheberrecht: Was darf ich und was darf ich nicht im Netz runterladen? Was kann mir passieren, wenn ich illegale Inhalte runterlade?

Internet-Sicherheit: Was sind Viren, was sind Trojaner? Warum muss ich aufpassen, auf was für Links ich klicke und was ich herunterlade?

Computer- und Videospielsucht: Ich bin doch nicht süchtig, nur weil ich ein paar Stunden pro Tag spiele, oder? Was sind Anzeichen für die Sucht? Was kann ich dagegen tun?

Soziale Medien/Netzwerke: Was ist ein verantwortlicher Umgang damit? Wo lauern die Gefahren, was muss ich beachten? Warum ist es nicht schlau, leichbekleidete Bilder von mir hochzuladen?

Und das sind nur einige Beispiele, ich könnte noch zehn weitere wichtige und für den Unterricht sinnvolle Themen hier aufführen.

Ich habe in den letzten Jahren intensiv mit Eltern und Kollegen über dieses Thema gesprochen – gerade letzte Woche beim Elternsprechtag an meiner Schule. Lustigerweise sehen gefühlt alle Eltern die Sache zu 100% genauso und halten es auch sinnvoll, diese Inhalte in den Unterricht zu bringen. Ich frage mich dann allerdings, warum man dann nicht selbst die Sache in die Hand nimmt? Es ist mir doch selbst auch wichtig, dass mein Kind bestmöglich auf das weitere (digitale) Leben vorbereitet wird. Und wenn Minister, Schulleiter oder Behörden von sich aus nichts in so einer wichtigen Sache unternehmen, dass müssen zur Not halt Eltern auf die Barrikaden gehen.

Ich bin leider sicher, dass es noch eine lange Zeit dauern wird, bis das Fach Medienkunde seinen Weg in den Unterricht findet. Fächer wie Religion, Sport, Kunst und Musik werden immer wieder (zu recht?) hinterfragt – ein Lehrer mit dem jeweiligen Schwerpunkt, wird dies natürlich anders sehen. Aber wie kann es sein, dass diese Fächer unterrichtet werden, aber ein so wichtiges und zukunftsträchtiges Fach wie Medienkunde nicht?



15 KOMMENTARE

  1. Warum sind unsere Kinder von Fußball begeistert und nicht wie Kinder in den USA von Basketball? Weil sie damit aufwachsen! Warum haben wir einen Fachkräftemangel im IT Sektor der inzwischen so groß geworden ist, dass er den Wohlstand in Deutschland gefährdet. Weil unsere Kinder zuwenig kontakt damit haben. Überspirtzt dargestellt wird Medienkunde den unterschied machen ob wir in der Gglobalisierten Wirtschaft noch was zu melden haben oder nicht.

  2. Kann ich so unterstützen. Ich hatte das Vergnügen das Fach Informatik besuchen zu dürfen. Der Inhalt war das 10 Fingersystem zu lernen. Auf Schreibmaschinen

    • Ich hatte Informatik im Wahlbereich ab der 8. Klasse. Zunächst war es natürlich nur ein „how to Office“, später haben wir aber auch noch HTML und ein wenig Java gemacht. Für die 10. Klasse kam ein Lehrerwechsel und um das zusammenzufassen: 1)Waren unsere Laptops nicht geladen worden, weswegen wir eine praktische Klausur auf Papier machen mussten. 2)Schaute besagter Lehrer einen Kumpel von mir irgendwann an, als hätte er eine Hexe gesehen und sprach die unvergesslichen Worte „wie hast du das gemacht???“. Es ging um das „Symbol“ ²…

      Informatik geht halt, wenn du die Lehrer dafür hast. Mein erster Lehrer war kein Informatiker, aber voll drin im Thema. Der zweite Lehrer war zwar für die Webseiten der Schule verantwortlich, hatte aber sonst eigentlich wenig Ahnung. Obwohl meine Schule recht groß ist/war, hatten wir nur einen Lehrer, der tatsächlich Informatik studiert hat. Und ironischerweise kam er fast nie dazu, dass zu unterrichten, weil er gleichzeitig einer der Mathelehrer mit Oberstufenqualifikation war und dementsprechend nonstop Mathe unterrichtet hat.
      Und das könnte dann durchaus eine Krux werden: Welcher studierte Informatiker, gerade beim aktuellen Fachkräftemangel, will denn an einer Schule HTML und „warum Nacktbilder auf Facebook posten nicht so smart ist“ unterrichten? Du brauchst also schon fast zwangsläufig fachfremde Lehrer mit Zusatzqualifikation, aber die muss dann auch erst wieder angeschafft werden.

  3. Das mache ich bei meiner Tochter selbst, weil ich’s kann. Ehrlich gesagt bin ich kein Freund von Medienkunde an Schulen, zumal sich meine Tochter vor Wochen sich ein aufgezeichnetes Kika Video über Greta ansehen dürfte zeitgleich mit der ganzen Grundschule auf der Leinwand mit Beamer. Die Objektivität der ganzen Sache fehlt mir bei sowas von Seiten der Schule und ich kann mir direkt vorstellen was diverse Lehrkräfte den Kindern gerne da erzählen würden. Auf sowas verzichte ich dankend.

    • Aber in allen anderen Fächern sind dir die Lehrer „objektiv“ genug? Ich meine das Argument kann man von Religion bis Geschichte ebenso anbringen.

      • Du hast natürlich völlig Recht mit deiner Frage. In diesem Beitrag geht es nur über genau das vom Krömer angesprochene Thema daher wollte ich nicht ausschweifen. Religion ist so eine Sache, da hat meine Frau und meine Schwiegereltern mehr oder weniger gewonnen, ich bin dagegen das man Kinder bevor Sie nicht eigenständig verstehen um was es da geht in eine Richtung zwängt. Sollte jeder mit einem bestimmten Alter für sich selbst entscheiden. Geschichte ist auch so ein Thema. Alles in allem verhindere ich einfach das man aus meinem Kind jemand macht der Ideologien folgt ohne diese zu hinterfragen. Um es zu verkürzen, ich finde das in der Bildung und in den Medien ein wenig die Objektivität verloren gegangen ist.

  4. Ich arbeite in der außerschulischen kirchlichen Jugendarbeit als Bildungsreferent. Bei uns ist das allmählich das Hauptthema was wir schulen. Die Anfrage an katholische Jugendämter und Fachstellen ist enorm. Etwas amüsant, dass die konservative Kirche hier aushelfen muss.

    • Man hat schließlich Milliarden an Förderung bekommen für bessere Ausstattung mit der Gefühlt die Hälfte der Lehrer nicht umgehen kann und oder will.
      Ich bin gespannt ob die Lehrer auf dieses Pflichtfach Weiterbildungen etc erhalten oder ob man sich hier einfach einen aussucht.

      • Warum sollte sich ein erfahrener Lehrer diesen Stress mit Weiterbildungen und neuen Medien auch ernsthaft antun? Die Kollegen sind verbeamtet, haben entsprechend sowohl Job als auch Pension sicher und es besteht keinerlei Notwendigkeit, in dem, was sie machen, gut oder auf dem aktuellen Stand zu sein. Die einzigen, die wirklich einen Anreiz zur Qualität verspüren sind Lehrer wie Steve, die wirklich gerne Lehrer sind und denen die dahinterstehende Aufgabe etwas bedeutet. Davon habe ich in meiner Schullaufbahn aber nicht viele getroffen.

  5. Welche Möglichkeiten hätte man als Elternteil um Druck auf die Politik ausüben zu können? Petition, Streiks, Briefe ans Ministerium.
    Es macht mit Sicherheit ein wenig Arbeit, aber als Elternteil muss man sich dann wohl eigenständig dahinter klemmen und für Gehör Sorgen, sodass solche Themen auch Mal ihre Umsetzung finden.

    Grüße

    • Man könnt auch als Elternteil auf die Gefahren hinweisen. Wieso sollte Lehrer xyz besser bescheidwissen als die Eltern? Wird er dafür ausgebildet? Eher nicht.

      Das Eltern heutzutage gerne alles auf die Schule abwischen ist hoffentlich bekannt. Anstatt sich mit Petitionen oder Streiks zu beschäftigen, könnt man auch selber in nen Abendkurs gehen und sich was dazu anhören. Würd aber bedeuten sein Kind erziehen zu wollen.

      Davon ab finde ich nicht schlecht wenn Kids in der Schule Exel und co lernen, nicht im Informatikunttericht, da gehörts nicht hin, aber immer erschreckend zu sehen wie schlecht die an der Uni sind. Dauert auch keine Ewigkeit, paar Stunden für die Grundlagen sollten reichen.

  6. Hey Steve,

    ich weiß dass das Thema bei nicht neu ist sondern du schon Jahrelang dieses Fach forderst.

    Was ich bei all deiner liebe und Hingabe da nicht so ganz verstehe, warum Du nicht in diesem Gebiet vorprescht und mit deinem jetzt vielleicht nicht mehr ganz so großen Einfluss und noch weniger Zeit nicht das ganze auf YouTube aufsetzt.

    Wir wissen alle das die aktuelle Lage eher so Pranks und scheiß auf YouTube in die höhe treibst, aber du hast die Kompetenz und das Knowledge das eigentlich in gute 10 Minuten Videos zu packen und die Sache mit TikTok vielleicht sogar etwas viraler gehen zu lassen.

    und mit deiner aktuellen Community wirst du vielleicht sogar den ein oder anderen „Fachmann“ dazu bringen können, um dass Technische dahinter ein wenig zu erläutern.

    Und wenn dann irgendwann in 30 Jahren die Medienkunde total veraltet an den Start geht, kannst du sagen, hey ich war der erste und hier ich war damals schon besser 😛

  7. Ich bin ganz Froh, dass ich ab der 7. Klasse an Informatik hatte, klar, rudimentär war es ein Überblick, aber wenn ich seh, das meine Geschwister nicht mal ne Suchmaschine bedienen können etc. bin cih schon ganz froh, dass unsere Lehrer uns verschiedenes beigebracht haben.

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